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Rotwein gut bei MS?

Original Titel:
The effect of alcohol and red wine consumption on clinical and MRI outcomes in multiple sclerosis.

Rotwein hat einen guten Ruf – auch wenn neuere Studien langsam an seinem Image kratzen. Lange galt, dass ein Glas Rotwein am Tag gut für die Herzgesundheit sei. Ganz so einfach ist es dann aber wohl doch nicht, Rotwein scheint ein zweischneidiges Schwert zu sein. Denn Alkohol ist ein Zellgift, das besonders der Leber zusetzt. Aber auch unser Gehirn scheint schon bei geringen Menschen Alkohol stärker geschädigt zu werden als bisher gedacht, ganz zu Schweigen von durch Alkohol verursachten Krebserkrankungen, über die die Forschung immer mehr herausfindet. Andererseits gelten die enthaltenen Gerbstoffe weiterhin als gesund und die Farbstoffe aus den Trauben sind sehr wirksame Antioxidantien, die freien Radikalen den Garaus machen.

In der Forschung gibt es Hinweise darauf, dass Alkohol auch auf das Immunsystem wirkt und Entzündungsprozesse unterdrückt. Das gilt beim Rotwein auch für dessen Farbstoffe, die außerdem auch Nervenzellen schützend wirken sollen. Mit diesen Eigenschaften könnte Alkohol, speziell in Form von Rotwein, den Verlauf von Multiple Sklerose beeinflussen.

Ob es zwischen dem Konsum von Alkohol oder Rotwein und dem Verlauf von MS-Erkrankungen einen Zusammenhang geben könnte, hat sich eine Gruppe von Forschern aus Boston angeschaut. Sie befragten MS-Patienten in einer Studie zu ihrem Trinkverhalten im letzten Jahr und schauten sich den Gesundheitszustand der Patienten an. Dafür bestimmten sie den EDSS-Wert (Expanded Disability Status Scale), der sieben verschiedene neurologische Funktionsbereiche wie Sehen, Kraft und Beweglichkeit oder Gehirnleistung heranzieht, um den Grad der Einschränkung durch die MS zu bestimmen, sowie den MSS-Wert (Multiple Sclerosis Severity Score). Dabei handelt es sich um eine Bewertungsskala für die Schwere der MS-Erkrankung. Außerdem flossen die Anzahl von Schüben im vergangenen Jahr sowie die Ergebnisse der MRT-Untersuchungen in die Bewertung mit ein.

Diese Daten wurden mathematisch ausgewertet hinsichtlich eines möglichen Zusammenhangs. Dabei prüften die Forscher auch, dass der Einfluss von Geschlecht, Alter, Gewicht, Verlaufsform, wie lange im vergangenen Jahr mit krankheitsmodifizierenden Therapien behandelt wurde, Rauchbelastung und Erkrankungsdauer die Ergebnisse nicht verändert. Insgesamt wurden so die Daten von 923 Teilnehmern ausgewertet. Davon waren 74 % Frauen, was nicht unüblich ist, da zwei von drei MS-Patienten weiblich sind. Im Schnitt waren die Teilnehmer 47 Jahre alt und lebten seit durchschnittlich 14 Jahren mit der Erkrankung.

Es zeigte sich, dass Patienten, die mehr als vier alkoholische Getränke pro Woche bzw. die mehr als drei Gläser Rotwein pro Woche tranken, bessere EDSS- und MSS-Werte hatten, als Patienten, die auf Alkohol verzichteten. Damit hatten die Patienten, welche regelmäßig Alkohol tranken einen geringeren Grad an Behinderung laut EDSS und eine mildere Erkrankung nach MSSS als Nichttrinker. Gleichzeitig zeigte aber die MRT-Untersuchung bei den Patienten, die ein bis drei Gläser Rotwein pro Woche tranken, dass die Läsionen im Gehirn mehr Raum einnahmen als bei abstinenten MS-Patienten. Das zeigt, dass trotz anscheinend positiver Aspekte beim Alkoholkonsum Vorsicht angesagt ist.

Die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung empfiehlt für Frauen nicht mehr als ein Glas Bier (0,25 l), Wein/Sekt (0,1 l) oder Schnaps (4 cl) täglich, Männern das doppelte. Das entspricht einem Standardglas Alkohol mit etwa 10 g reinen Alkohol. Manche Forscher sehen aber selbst diese Werte als zu hoch an und regelmäßiger Alkoholkonsum erhöht auch das Risiko einer Abhängigkeit.

Welcher Mechanismus für die Effekte von Alkohol bzw. Rotwein auf den Verlauf von MS verantwortlich sein könnte, ist noch unklar und der Zusammenhang muss in weiteren klinischen Studien untersucht werden. Manche Forscher vermuten eine Wirkung der Inhaltsstoffe der Weintrauben. Einige Studien zu dem antioxidativ wirkenden Inhaltsstoff Resveratrol zeigten interessante Ergebnisse in ersten Experimenten der letzten Jahre, die noch weiter untersucht werden müssen. So ergab eine Studie aus 2017 in einem Mausmodell sogar mögliche positive Effekte von Resveratrol auf die Reparatur der Myelinhüllen von Nervenzellen. In der Weintraubenzeit also vielleicht hin und wieder lieber zu den roten Trauben greifen und beim Rotwein auf ein gesundes Maß setzten, und gespannt bleiben, was die Forscher herausfinden werden.

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