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Naltrexon: Ein Wirkstoff aus der Suchtentwöhnung als MS-Medikament?

Original Titel:
Low dose naltrexone in multiple sclerosis: Effects on medication use. A quasi-experimental study

Hilft Naltrexon bei MS indem es dafür sorgt, dass mehr Endorphine freigesetzt werden? Die Auswertung norwegischer Forscher dazu ergibt eher ein „Nein“. Eine ältere Studie sieht das ähnlich, verweist aber auch auf einen möglichen Nutzen für die mentale Gesundheit.


Öfter als man denkt werden Arzneimittel für Bereiche verschrieben, für die sie offiziell von den Arzneimittelbehörden gar nicht zugelassen wurden. Diesen Einsatz außerhalb des genehmigten Anwendungsgebiets nennt man auch Off-Label-Use oder zulassungsüberschreitende Anwendung. Aber auch für die Verschreibung abseits der Zulassung gelten Regeln und Ärzte haften in solchen Fällen persönlich bei daraus resultierenden Problemen.

Wirkstoff aus der Suchtentwöhnung als Therapie bei MS?

Für die Behandlung von Multipler Sklerose ist schon länger der Wirkstoff Naltrexon im Gespräch. Naltrexon wird normalerweise zur Behandlung von Menschen eingesetzt, die süchtig nach bestimmten Schmerzmitteln sind (Opiaten), um ihnen zu helfen, von der Sucht wegzukommen. Die Wirkung von Naltrexon beruht dabei darauf, dass der Wirkstoff Rezeptoren im Gehirn blockiert, an die normalerweise die Drogen binden würden. So kommt es zu keinen Glücksgefühlen beim Konsum von Drogen oder Alkohol – und es wird einfacher, abstinent zu bleiben.

Naltrexon könnte Endorphinkonzentration kurzzeitig erhöhen und so Immunsystem positiv beeinflussen

Die Idee hinter der Off-Label-Behandlung mit Naltrexon bei MS beruht ebenfalls auf der Blockierung der Rezeptoren im Gehirn. Sind weder Drogen noch Medikamente im Spiel, binden eigentlich Endorphine, die Glückshormone, an diese Rezeptoren. Man vermutet, dass Endorphine das Immunsystem regulieren können, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie das funktioniert. Blockiert man nun die Rezeptoren mit geringen Dosen Naltrexon, können vorübergehend keine Endorphine an die passenden Rezeptoren binden und der Körper beginnt vermehrt Endorphine zu produzieren. Die kurzzeitig gesteigerte Endorphinkonzentration könnte sich positiv auf die entzündlichen Prozesse der MS auswirken, vermuten manche Wissenschaftler.

Naltrexon kann aber auch das fehlgeleitetes Immunsystem stärken und so die MS befeuern

Naltrexon wirkt aber auch stärkend auf das Immunsystem. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was mit den meisten Behandlungen versucht wird. Denn gerade die Attacken eines fitten, aber fehlprogrammierten Immunsystems auf das zentrale Nervensystem sind das, was man bei der Behandlung von MS zu unterbinden versucht. Daher wird der Einsatz von Naltrexon in geringen Dosen bei Multipler Sklerose kontrovers diskutiert. Vom Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft gab es sogar Warnungen vor dem Einsatz von Naltrexon, auch weil manche Betroffene gefährliche Selbstversuche starteten.

Benötigten mit Naltrexon behandelte MS-Patienten weniger MS-Medikamente?

Inzwischen gibt es ein paar wenige, kleine Studien, die Anzeichen dafür gefunden haben, dass niedrig dosiertes Naltrexon positive Effekte auf Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen haben könnte. Ein Nachweis der Wirksamkeit würde es zu einer günstigen und sicheren Alternative zu aktuellen Behandlungen machen. In Norwegen hat es im Jahr 2013 einen plötzlichen anstieg der Behandlungen mit Naltrexon gegeben. Daher haben norwegische Forscher die Daten aus der norwegischen Verschreibungsdatenbank ausgewertet. Sie wollten herausfinden, ob MS-Patienten, die zwischen 2009 und 2010 mit Naltrexon behandelt wurden, dadurch weniger andere MS-Medikamente brauchten, was ein Hinweis auf die Wirksamkeit dieser Behandlung wäre.

Niedrig dosiertes Naltrexon scheint körperlichen Symptome von MS-Patienten nicht zu verbessern

Abgesehen von Veränderungen darin, welche Medikamente die MS-Patienten in Norwegen verschrieben bekamen, die mit den generellen Veränderungen der MS-Therapie in Norwegen übereinstimmten, konnten sie jedoch keine Veränderung feststellen. Im untersuchten Zeitraum hatte sich weder die Gesamtmenge der verschriebenen MS-Medikamente verändert, noch die Anzahl der Patienten, die zur Behandlung von MS entsprechend zugelassene MS-Medikamente erhielten. Daraus schließen die Forscher, dass der Beginn einer Behandlung mit niedrig dosiertem Naltrexon keine Reduzierung von anderen Medikamenten, die zur Behandlung von MS-Symptomen eingesetzt werden, zur Folge hatte. Eine mögliche Schlussfolgerung daraus ist, dass Naltrexon keinen Einfluss auf die körperlichen Symptome von MS-Patienten hat.

Ältere Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen, nur mentale Gesundheit schnitt besser ab

Eine Studie aus dem Jahre 2010 kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Behandlung mit niedrigen Dosen Naltrexon keinen Einfluss auf die körperlichen Symptome der MS hatte. Dafür gab es Hinweise auf eine verbesserte mentale Gesundheit der Patienten. Um abschließend zu klären, wie wirksam, sicher und verträglich Naltrexon ist, sind weitere Studien nötig. Bis dahin sollte der Einsatz unter ärztlicher Kontrolle genau abgewogen werden, auch wenn in bisherigen Studien nur geringe Nebenwirkungen verzeichnet wurden.

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