Aktuell verfügbare MS-Therapien: eine Übersicht

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Moderat oder hoch akiv

DGP – Bei Multipler Sklerose richtet sich die Therapie vor allem nach der Verlaufsform und wie aktiv die Erkrankung ist. Prof. Dr. Sebastian Rauer vom Universitätsklinikum Freiburg gab auf dem pharmacon-Kongress, einer Veranstaltung zur Fortbildung von Apothekerinnen und Apothekern, einen Überblick über die aktuell verfügbaren Therapieoptionen. Die Pharmazeutische Zeitung berichtete über seinen Vortrag.


Bei den allermeisten Patienten verläuft die Multiple Sklerose zu Beginn schubförmig remittierend. Das bedeutet, dass die Symptome schubförmig auftreten und sich danach meist vollständig zurückbilden. „Nur für diese Patienten haben wie bislang überhaupt Therapieoptionen“, betont Prof. Rauer. Denn für diese Verlaufsform sind alle bisher verfügbaren MS-Medikamente zugelassen, mit Ausnahme des Antikörpers Ocrelizumab, der auch für primär progrediente Verläufe zugelassen wurde. Umso wichtiger ist es, dass die Therapie daher früh begonnen wird, um möglichst einen Krankheitsstillstand zu erreichen. Gezielte Therapien für Patienten, bei denen die Krankheit nach vielen Jahren chronisch fortschreitet, gibt es bisher keine, auch wenn verschiedene Wirkstoffe auch hier eingesetzt werden.

Interferon-beta, Glatirameracetat, Dimethylfumarat und Teriflunomid für moderate Verläufe

Für Patienten, bei denen die Erkrankung nicht allzu aktiv ist, die also einen moderaten Verlauf haben, eignen sich verschiedene Wirkstoffe. Der wohl am besten erforschte Wirkstoff unter ihnen ist Interferon-beta, dass bereits lange für die Behandlung von MS verwendet wird und ein sehr gut belegtes Sicherheitsprofil hat. Für von MS betroffene Frauen mit Kinderwunsch kann Interferon-beta interessant sein, und auch Kinder mit MS können mit Interferon-beta behandelt werden.

Sind bei einem MS-Patienten aus der Vergangenheit Depressionen bekannt, findet der Arzt Hinweise auf unterschwellige systemische Autoimmunprozesse im Körper auch während Ruhephasen oder leiden die Patienten unter einer starken Fatigue, einer chronischen geistigen und körperlichen Erschöpfung, kann Glatirameracetat das Mittel der Wahl sein.

Neben Wirkstoffen, die gespritzt werden, gibt es auch Tabletten

Eine Basistherapie, die als Tablette eingenommen werden kann, ist Dimethylfumarat. Prof. Rauer berichtete, es sei wirksamer als Interferon-beta und Glatirameracetat. In einer aktuellen Studie  wird im Direktvergleich eine genauso gute Wirkung belegt, mehr dazu lesen Sie hier. Ein Nachteil von Dimethylfumarat ist, dass etwa jeder dritte Patient bei der Behandlung Magen-Darm-Beschwerden hat. Daher, so die Empfehlung, sollten die Tabletten am besten zu einer fetthaltigen Mahlzeit eingenommen werden. Auch kam es unter dem Wirkstoff zu Fällen der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Diese Virusinfektion ruft Entzündungen im Gehirn hervor und kann tödlich enden.

Ein weiterer Wirkstoff in Tablettenform ist Teriflunomid. Die Wirksamkeit ist ähnlich wie bei Interferon-beta und Glatirameracetat. Außerdem ist der Wirkstoff gut verträglich. Für Frauen mit Kinderwunsch ist aber zu bedenken, dass Teriflunomid aufgrund seiner fruchtschädigenden Wirkung bis zu zwei Jahre vor dem Eintreten einer Schwangerschaft abgesetzt werden muss. So lange kann der Wirkstoff bei manchen Patientinnen noch im Blut in entsprechender Konzentration nachgewiesen werden. Das kann aber entsprechend getestet werden.

Für hochaktive Verläufe gibt es Fingolimod, Cladribin, Natalizumab, Alemtuzumab und Ocrelizumab

Für Verläufe mit einer höheren Krankheitsaktivität werden stärker wirkende Arzneimittel benötigt. Aber auch für hochaktive Verläufe gibt es inzwischen verschiedene Möglichkeiten der Behandlung. Fingolimod wird als Kapsel eingenommen und hat einen speziellen Wirkmechanismus. Es bindet gezielt an bestimmte Rezeptoren und moduliert so das Immunsystem. Da diese Rezeptoren aber auch auf den Zellen des Herzens vorkommen, kann es hier zu Nebenwirkungen kommen. Daher wird bei der ersten Einnahme ein EKG geschrieben, um solche unerwünschten Wirkungen direkt erkennen zu können. Auch bei Fingolimod ist bei einem Kinderwunsch ein rechtzeitiges Absetzen nötig und auch hier sind Fälle von PML bekannt.

Cladribin kann die Schubrate um mehr als die Hälfte reduzieren, haben Studien gezeigt. Es wird in zwei aufeinanderfolgenden Jahren für eine bestimmte Zeit als Tablette eingenommen, dazwischen wird pausiert. Die Wirkung hält aber längerfristig, auch hier muss das Kinderkriegen geplant werden, da Cladribin fruchtschädigend wirkt. Für Cladribin gibt es außerdem noch keine Langzeitdaten nach vier Behandlungsjahren.

Antikörper wirken sehr gut, können aber auch stärkere Nebenwirkungen auslösen

Natalizumab ist ein Antikörper, der zur Behandlung von MS eingesetzt wird. Die Wirkung von Natalizumab ist sehr gut, gleichzeitig besteht aber das Risiko einer PML, weswegen Patienten die bereits länger Natalizumab erhalten, engmaschiger kontrolliert werden sollen.

Ein weiterer Antikörper, der zur Behandlung der hochaktiven MS eingesetzt wird, ist Alemtuzumab. Im Vergleich mit Interfon-beta konnte der Wirkstoff in Studien die Schubrate um mehr als die Hälfte reduzieren. Ein Drittel der Patienten entwickeln aber nach drei Jahren Behandlung mit Alemtuzumab sogenannte paradoxe Autoimmunphänomene. Dabei beginnt der Körper unter der Behandlung mit einem Biologikum dann andere körpereigene Strukturen anzugreifen. Im Fall von Alemtuzumab können das die Schilddrüse und die Nieren sein. Patienten sollten daher für fünf Jahre monatlich zur Blutkontrolle.

Neu hinzugekommen in diesem Jahr ist der Antikörper Ocrelizumab. Er richtet sich anders als die anderen Antikörper gegen B-Zellen. Er ist als einziges MS-Medikament im Moment für die Behandlung der primär progredienten Verlaufsform zugelassen. Die Infusionen erfolgen nur alle halbe Jahr, was für die Patienten ein Vorteil sein kann. Prof. Rauer gibt aber auch zu bedenken, dass sich die Behandlung dadurch schlechter steuern lässt. Es gibt außerdem Vermutungen für ein erhöhtes Krebsrisiko unter Ocrelizumab. Prof. Rauer verweist aber auf die Erfahrungen mit Rituximab, dem Vorläufer von Ocrelizumab, unter dem es keine Hinweise darauf gebe.

Therapieentscheidung hängt von verschiedenen Faktoren ab

Welche Therapie also die geeignetste ist, hängt maßgeblich von Verlaufsform und Aktivität der Erkrankung ab. Aber auch Lebensplanung, Alter, Begleiterkrankungen und Erfahrungen und Präferenzen des Patienten und Arztes sollten miteinbezogen werden. An weiteren Therapieoptionen wird aktuell geforscht.

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Referenzen:

Pharmazeutische Zeitung, Beitrag „Moderat oder hoch aktiv“, Nr. 23/2018