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Lungenkrebs

Misteltherapie bei Lungenkrebs

Original Titel:
Overall survival of stage IV non-small cell lung cancer patients treated with Viscum album L. in addition to chemotherapy, a real-world observational multicenter analysis.

DGPDie Misteltherapie ist weiterhin medizinisch umstritten. Neuere Studien zeigen mögliche Vorteile für die Lebensqualität. Deutsche Anthroposophen berichten nun auch von möglichen Auswirkungen auf die Überlebenszeit bei Lungenkrebs. Neuere Behandlungen, die ebenfalls das Leben verlängern, wurden in der Studie jedoch nicht miteinbezogen.


Den germanischen Druiden war sie heilig und im Zaubertrank von Asterix und Obelix verleiht sie übermenschliche Kräfte: die Mistel. Viele kennen die Zweige der Pflanze und ihre weißlichen Beeren als Dekoration zur Weihnachtszeit, in der anthroposophischen Medizin kommt die Pflanze seit gut 100 Jahren zum Einsatz.

Eine alte Idee: Gleiches mit Gleichem behandeln

Die Idee hinter der Verwendung von Misteln zur Behandlung von Krebs, geht wohl auf den Ansatz zurück „Gleiches mit Gleichem“ zu behandeln. Da die Misteln eine schmarotzende Lebensart haben, das heißt, sie wachsen auf Bäumen und zapfen deren Stoffwechsel an, wurden sie mit Krebsgeschwüren verglichen. Die Grundlage der anthroposophischen Medizin bilden die Überlegungen von Rudolf Steiners. Es handelt sich dabei um eine ganzheitliche komplementärmedizinische Richtung, die die wissenschaftlich orientierte Medizin durch geisteswissenschaftliche Erkenntnisse erweitern und ergänzen will. Auch Rudolf Steiner griff das Prinzip „Gleiches mit Gleichem behandeln“ auf.

Kein wissenschaftlicher Nachweis der Wirkung nötig

Seit 1976 ist die anthroposophische Medizin in Deutschland als „besondere Therapierichtung“ anerkannt und kann ergänzend zur Schulmedizin eingesetzt werden. Daher können anthroposophische Behandlungen ohne die üblichen Nachweise der Wirksamkeit zugelassen werden. Die von Befürwortern als Belege für die Wirksamkeit der Behandlungen angeführten Daten werden oft von Experten als nicht ausreichend bemängelt. Auch wann, welches Mistelpräparat eingesetzt werden sollte, wie diese genau anzuwenden sind und welche Neben- und Wechselwirkungen vorkommen können, dazu gibt es ganz unterschiedliche Angaben der Hersteller. Eine Beratung durch den behandelnden Arzt ist daher unerlässlich.

Inhaltsstoffe der Mistel inzwischen gut untersucht

Trotzdem ist die Behandlung mit Mistelpräparaten eine bekannte alternative unterstützende Therapie bei Krebspatienten in Deutschland. Inzwischen gibt es verschiedene Studien zu der Wirkung und den Inhaltsstoffen der Mistel, denn gerade in der Krebsforschung sind die Wissenschaftler immer auf der Suche nach neun, vielversprechenden Substanzen. Die Untersuchungen zeigten, dass es mehrere biologisch aktive Substanzen in der Mistel gibt. In welcher Konzentration diese in der Pflanze vorkommen hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab, allein auf was für einem Baum die Mistel gewachsen ist oder wann sie geerntet wurde, kann die Inhaltsstoffe stark beeinflussen. Daher können sich auch die Inhaltstoffe von Mistelpräparaten stark unterschieden, selbst zwischen Packungen des gleichen Präparats, wenn die Hersteller nicht gezielt darauf achten, dass die Präparate immer den gleichen Gehalt bestimmter Inhaltsstoffe haben.

Lektine und Viscotoxine wurden bisher nur im Labor erprobt

Besonders interessant für Forscher sind die in Misteln vorkommenden Lektine und Viscotoxine. Lektine sind zuckerhaltige Eiweißstoffe, die an Strukturen auf Zellen binden können und dort bestimmte Reaktionen hervorrufen. Pflanzen setzen diese Stoffe auch als Schutz vor Fressfeinden ein. Das ist einer der Gründe, wieso manches Gemüse, z. B. Bohnen, ungekocht giftig sein kann. Die Lektine der Mistel haben zellzerstörende Eigenschaften. Ob sie aber an Tumorzellen binden und diese zerstören können, hängt sehr stark von der Beschaffenheit der Krebszellen ab. Die Viscotoxine sind Giftstoffe der Mistel, die eine stimulierende Wirkung auf bestimmte Immunzellen haben können. Die Wirkung von Mistellektinen und Viscotoxinen wurde bisher gezielt in Laborversuchen an Zellen und Tieren untersucht. Ob die Stoffe als Medikamente im menschlichen Körper genauso wirken, ist bisher unklar und Mistelpräparate enthalten immer die gesamte Bandbreiter aller Inhaltsstoffe der Pflanze.

Studien zeigen Wirkung auf Lebensqualität

Untersuchungen zur Wirkung von Injektionen mit Mistelpräparaten konnten bisher vor allem Hinweise auf eine Verbesserung der Lebensqualität der Patienten finden. Wissenschaftliche Untersuchungen berichteten, dass Patienten die Chemotherapie besser vertrugen, es seltener zu Übelkeit und Erbrechen kam und Fatigue, eine chronische Erschöpfung, gelindert wurde. Auch von einem besseren emotionalen Wohlbefinden wird berichtet.

Forscher beschreiben möglichem Zusammenhang zur Überlebensdauer

Eine Wirksamkeit gegen die Krebszellen direkt oder ein Einfluss auf das Tumorwachstum konnte bisher aber nicht belegt werden. Eine aktuelle Untersuchung aus Deutschland fand aber in einer Beobachtungsstudie einen statistischen möglichen Zusammenhang (Korrelation) zwischen der Kombination von Chemotherapie und Mistelpräparaten und dem Überleben von Patienten mit metastasiertem nicht-kleinzelligen Lungenkrebs. Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler Daten von 158 Patienten mit metastasiertem nicht-kleinzelligen Lungenkrebs aus, die im Rahmen des Netzwerks Onkologie behandelt wurden. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Kliniken, Ambulanzen und Arztpraxen, die zusätzlich zur Standardbehandlung auch verschiedene komplementäre Therapien, wie die Misteltherapie, anbieten.

Kleine Beobachtungsstudie mit 158 Patienten

Sie beobachteten die Patienten, ohne die Behandlung gezielt vorzugeben. Eingeschlossen wurden nur Patienten im Tumorstadium IV, die mit einer konventionellen Chemotherapie (und gegebenenfalls Bestrahlung) oder einer konventionellen Chemotherapie plus einer Therapie mit der weißbeerigen Mistel (Viscum album L.) behandelt wurden. Patienten, deren Tumore genetische Merkmale aufwiesen, die Angriffspunkte für zielgerichtete Therapien oder Immuntherapien sind, oder die mit Tyrosinkinase-Hemmern und Immun-Checkpoint-Hemmern behandelt wurden, wurden nicht mit einbezogen. Die Standardtherapie erhielten 108 der beobachteten Patienten, 50 Patienten wurden mit Chemotherapie und Mistelpräparaten behandelt. Die Forscher werteten die Daten zum Überleben der beobachteten Patienten statistisch aus. Dabei zeigte sich, dass das durchschnittliche Überleben bei den Patienten, die Mistelpräparate erhielten, bei 17 Monaten lag, dass der Patienten ohne Mistelbehandlung bei acht Monaten. Auch betrachtet auf die Überlebensrate nach einem und nach drei Jahren schnitt die Gruppe mit der Mistelbehandlung im Mittel statistisch gesehen besser ab.

Studienleiter: Überraschende Ergebnisse sind Hinweise, aber keine Belege

Dr. med. Schad, Erstautor der Studie und Leiter des Onkologischen Zentrums am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe nannte das in einer Pressemeldung „Ein bemerkenswertes Ergebnis, von dem wir selbst überrascht waren“. Er sieht darin ein positives Signal für weitere Forschung in diese Richtung, räumt jedoch auch ein, dass es sich bei den Ergebnissen der Studie nur um eine Korrelation handelt. Einen echten Beweis für einen ursächlichen (kausalen) Zusammenhang zwischen einem längeren Überleben der Patienten und der Misteltherapie lieferte die Studie nicht. Daher weisen die Autoren darauf hin, dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten sind.

Weitere Studien notwendig, um mehr Ergebnisse zu sammeln

Beobachtungsstudien sind durch ihren Aufbau nicht ausreichend, um Zusammenhänge wissenschaftlich zu belegen. Außerdem wurden in der Untersuchung keine Patienten mit einbezogen, die eine neuere Therapie erhielten. Zwar gibt es solche zielgerichtete Therapien und Immuntherapien erst für etwa jeden fünften Patienten mit nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, aber es werden mehr. Untersuchungen zu zielgerichteten Wirkstoffen zeigten, dass sie das Überleben der Patienten im Vergleich zur Standardtherapie allein nachweislich verlängern können. Mögliche Vorteile der Misteltherapie könnten daher vor allem Patienten betreffen, bei denen eine solche Therapie nicht infrage kommt.

Weiterhin keine Empfehlung in den Leitlinien

In den Leitlinien für die Diagnose und Behandlung von Lungenkrebs wird die Misteltherapie ebenfalls erwähnt. Auch hier wird darauf hingewiesen, dass die bisher verfügbaren Belege nicht ausreichen, um eine Empfehlung zur Behandlung mit Mistelextrakten zu geben. Weitere Studien und Untersuchungen sind notwendig, um die Wirksamkeit von Inhaltsstoffen der Mistel in der Krebstherapie eindeutig zu belegen.

Beratung durch den Arzt vor Misteltherapie ist unerlässlich

Patienten, die sich für eine solche Behandlung interessieren, sollten dies vorher mit ihrem behandelnden Arzt (oder Ärzten) besprechen, besonders wenn neben der Behandlung in einem onkologischen Zentrum auch ein niedergelassener Facharzt oder der Hausarzt in die Behandlung involviert sind. Nur so kann sichergestellt werden, dass es nicht zu Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen oder Nebenwirkungen kommt, die dem Patienten gefährlich werden könnten. Auch im Rahmen einer klinischen Studie ist eine zusätzliche Behandlung aufgrund der später benötigten Vergleichbarkeit der Daten oftmals nicht möglich.

Informationen rund um die Misteltherapie finden Sie auch bei der Deutschen Krebsgesellschaft und dem Krebsinformationsdienst. Mehr zu Entwicklungen rund um neue Krebstherapien lesen Sie auf dem DeutschenGesundheitsPortal zu Lungenkrebs hier.

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