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Multiple Sklerose

Neue individuellere Einschätzungsmethode für das PML-Risiko bei Natalizumab-Behandlung von MS

Original Titel:
Risk of natalizumab-associated progressive multifocal leukoencephalopathy in patients with multiple sclerosis: a retrospective analysis of data from four clinical studies.

DGPMenschen mit Multipler Sklerose, die mit Natalizumab behandelt werden, haben das Risiko, an einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie (PML) zu erkranken. Das Risiko der Erkrankung verändert sich über die Behandlungsdauer, was dafür spricht, dass das Verhältnis von Nutzen und Risiko jährlich neu eingeschätzt werden sollte.


Natalizumab wird eingesetzt bei der Behandlung von schubförmig verlaufender Multiplen Sklerose. Der Wirkstoff gehört zu den sogenannten monoklonalen Antikörpern. Antikörper sind Eiweiße, die von speziellen weißen Blutzellen (B- Lymphozyten) gebildet werden und gegen bestimmte Moleküle auf der Oberfläche von z. B. Krankheitserregern gerichtet sind. An diese Moleküle, die sogenannten Antigene, binden die Antikörper und wirken so bei der Bekämpfung von Krankheiten mit.

Natalizumab unterdrückt das Immunsystem

Natalizumab richtet sich gegen eine spezielle Gruppe der weißen Blutzellen, gegen T-Lymphozyten, auch T-Zellen genannt. Der Wirkstoff bindet an bestimmte Oberflächenmoleküle (Antigene) dieser weißen Blutzellen und hindert sie daran, aus der Blutbahn zu Entzündungen im Gewebe zu wandern. Durch die eingeschränkte Beweglichkeit können weniger fehlgeleitete T-Zellen die Nervenzellen angreifen. Gleichzeitig wirkt Natalizumab dadurch immunsuppressiv, d. h. das Immunsystem wird unterdrückt und ist so auch weniger effektiv gegenüber Erregern. Es wird angenommen, dass die Immunsystem unterdrückende Wirkung von Natalizumab auch das Risiko, an einer PML zu erkranken, verursacht.

Progressive multifokale Leukoenzephalopathie ist eine Infektion im Gehirn und Rückenmark

Die progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML) ist eine entzündliche Infektion von Gehirn und Rückenmark. Die Erkrankung wird verursacht durch eine Infektion mit dem JC-Virus (benannt nach dem Patienten John Cunningham, aus dem das Virus erstmals isoliert wurde, kurz JCV). Es wird geschätzt, dass etwa 40–60 % aller Erwachsenen mit dem Virus infiziert sind. Die erste Ansteckung verläuft in der Regel symptomfrei und das Virus verbleibt danach, in einer ruhenden Form, lebenslang im Körper – ähnlich wie Herpes-Viren. Damit ist das JC-Virus für die meisten Menschen harmlos. Nach einer Infektion lassen sich lediglich gegen das Virus gerichtete Antikörper (JCV-Antikörper) im Blut nachweisen. Ist aber das Immunsystem deutlich geschwächt, kann es zu einer Reaktivierung des Virus kommen. Das Virus verursacht dann Entzündungen im Gehirn und Rückenmark, die die Markscheiden des zentralen Nervensystems, ähnlich wie bei MS, zerstören. PML kann so zu schweren Behinderungen oder gar zum Tod führen. Eine Behandlung der Virusinfektion selbst ist nicht möglich.

Nutzen und Risiko abwägen

Da Natalizumab trotzdem eine wirksame und verträgliche Behandlung von schubförmig verlaufender MS ist, sind Nutzen und Risiko für den Betroffenen genau abzuwägen. Bisher wird das Risiko eine PML zu entwickeln unter Natalizumab anhand dreier Risikofaktoren abgeschätzt: ob JCV-Antikörper im Blut des Patienten nachweisbar sind, ob der Patient zuvor mit anderen Medikamenten behandelt wurde, die das Immunsystem unterdrücken und wie lange der Patient bereits mit Natalizumab behandelt wurde.

Forscher entwickeln Methode, mit der sich Risiko individueller für jeden Patienten abschätzen lässt

Forscher haben nun versucht, stattdessen eine Methode zu entwickeln, um das Risiko für eine PML individueller abschätzen zu können. Dabei soll die Einschätzung auf patientenbezogenen Risikofaktor-Daten und der JCV-Antikörper-Konzentration im Blut des jeweiligen Patienten basieren. Dazu wurden die Daten von Patienten aus vier großen Studien zusammengezogen und analysiert. Insgesamt kamen die Forscher so auf 37249 Patienten, davon erkrankten 0,4 % der Teilnehmer. Die Forscher schätzten nach ihrer neuen Methode, dass das Risiko für Patienten ohne JCV-Antikörper bei weniger als 0,07 pro 1000 Patienten lag. Für Patienten mit JCV-Antikörpern im Blut, die zuvor mit Immunsystem unterdrückenden Medikamenten behandelt wurden, wurde das aufsummierte Risiko, in einem Zeitraum von 6 Jahren an einer PML zu erkranken, auf knapp 3 % geschätzt. Wurden die JCV-Antikörper positiven Patienten zuvor nicht mit immunsuppressiven Medikamenten behandelt, lag das geschätzte Risiko im gleichen Zeitraum bei etwa 2 %.

Jährliche Abschätzung von Nutzen und Risiko mit neuer Methode möglich

Die Werte, welche die Forscher mit der neuen Methode bestimmten, sind im Einklang mit den Werten, die man anhand der drei bisher verwendeten Risikofaktoren bestimmen kann. Jedoch erlaubt die vorgestellte Methode eine individualisierte jährliche Nutzen-Risiko-Einschätzung für MS-Patienten, die mit Natalizumab behandelt werden. Über die Konzentration der JCV-Antikörper kann darüber hinaus eine weitere Risikoabschätzung für Patienten ermöglicht werden, die das Virus in sich tragen, aber bisher noch nicht mit immunsuppressiven Medikamenten behandelt wurden.

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