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Multiple Sklerose

Allergiemittel scheint geschädigte Nervenzellen reparieren zu können

Original Titel:
Clemastine fumarate as a remyelinating therapy for multiple sclerosis (ReBUILD): a randomised, controlled, double-blind, crossover trial.

DGPDer Wirkstoff Clemastin (Clemastinfumarat) wird schon lange zur Behandlung von z. B. Heuschnupfen und juckenden Hautausschlägen eingesetzt. Es gehört zu den Allergiemedikamenten der Gruppe der Antihistaminika. Clemastin verhindert, dass der Botenstoff Histamin im Körper entzündliche Reaktionen auslösen kann, die man als typische Allergiesymptome kennt.


In Experimenten mit bestimmten Nervenzellen des zentralen Nervensystems, den Oligodendrozyten, zeigte sich, dass Clemastin deren Wachstum anregen kann. Oligodendrozyten gehören zu den Gliazellen und haben lange ‚Arme‘, die die isolierende Hülle um Nervenzellen bilden. Diese Myelinscheide ist wichtig für die Weiterleitung elektrischer Signale durch die Nervenfaser. Es gibt noch weitere Zellen, die ebenfalls zur Bildung von Myelinscheiden beitragen.

Immunsystem greift Myelin an

Bei Multipler Sklerose richtet sich das körpereigene Immunsystem gegen diese Myelinhüllen. Die Angriffe der Immunzellen lösen Entzündungen aus, die die Isolierung der Nervenzellen zerstören, das nennt man Demyelinisation. Als Folge können elektrische Signale nicht mehr richtig übermittelt werden. Die Weiterleitung ist verlangsamt, mehrfach unterbrochen oder bleibt letztlich ganz aus. Diese gestörte Weiterleitung führt zu den Symptomen einer MS wie Kribbeln, Taubheitsgefühle, Funktionsstörungen, Krämpfe und Lähmungen.

Clemastin als zusätzliche Behandlung

In der Studie ReBUILD wurde daher untersucht, ob die Behandlung von MS-Patienten mit Clemastin bei der Behandlung von Schäden durch Demyelinisation sicher und wirksam ist. Die Studie hatte 50 Teilnehmer. Sie alle waren MS-Patienten mit schubförmig verlaufender MS und einer chronischen Störung des Sehnervs durch Entzündung und Demyelinisation. Die Teilnehmer befanden sich alle in einer stabilen immunmodulierenden Therapie und hatten die Diagnose MS vor weniger als 15 Jahren erhalten. Alle Teilnehmer wurden zufällig in eine von zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt zunächst für 90 Tage Clemastin als Tablette (5,36 mg oral, zweimal täglich) und danach für 60 Tage ein Placebo. Die zweite Gruppe erhielt zunächst für 90 Tage das Placebo und dann für 60 Tage die gleiche Dosis Clemastin wie Gruppe 1.

Kann Behandlung helfen Schäden am Sehnerv zu beheben?

Anschließend wurde untersucht, ob die Behandlung Auswirkungen auf die Schädigung der Sehnerven der Teilnehmer hatte. Dazu maßen die Forscher, wie schnell die Sehnerven nach einem optischen Reiz das Signal an das Gehirn weiterleiteten. Bei Gesunden dauert das etwa 100 ms. Dauert es länger oder weißt das Signal ein anderes Muster auf, deutet das auf Schäden am Sehnerv hin. Ziel der Forscher war es zu erreichen, dass die Verzögerung der Weiterleitung bei den Teilnehmern geringer wurde.

Verbesserung der Funktion des Sehnervs war zu beobachten

Nach Auswertung der Daten aus beiden Gruppen zeigte sich, dass durch die Behandlung mit Clemastin die Verzögerung um durchschnittlich 1,7 ms verringert werden konnte. In der Studie wurde der Wirkstoff mit Fatigue, einer körperlichen und geistigen Erschöpfung in Verbindung gebracht, ansonsten gab es aber keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. Dass Clemastin müde macht, war bereits bekannt. Bei der Verwendung als Allergiemedikament traten außerdem häufig eine Dämpfung, Schwindel, Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Übelkeit, Mundtrockenheit und Verstopfung auf. Vor einer Anwendung sollte man daher, auch bei einer Allergie, zunächst mit seinem Arzt sprechen.

Damit ist ReBUILD wohl die erste Studie dieser Art, die die Wirksamkeit eines remyeliniserenden Wirkstoffs für die Behandlung von Nervenschäden durch chronische Demyelinisierung bei MS dokumentiert. Die Forscher vermuten, dass Myelin so selbst nach anhaltender Schädigung repariert werden kann.

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