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Migräne

Zukunftsweisende Forschung: das Prodrom verstehen, um Migräne noch vor dem Kopfschmerz zu stoppen

Original Titel:
Biological insights from the premonitory symptoms of migraine

DGP – Die Migräne noch vor dem Kopfschmerz stoppen: aktuelle Forschung zum Prodrom der Migräne, den frühen Symptomen, die oft Stunden bis Tage vorher auftreten, soll das ermöglichen. Migräneexperten Dr. Kaizan und Dr. Goadsby fassten nun in einem Übersichtsartikel den aktuellen Wissensstand zur Frühphase der Migräne zusammen.


Wer viele Jahre unter Migräne gelitten hat, denkt oft, sie schon gut zu kennen. Und trotzdem fällt plötzlich, beim Lesen oder im Gespräch mit anderen Betroffenen, wieder etwas Neues auf. Oft geht es dabei um das Prodrom. Viele der Trigger, der Auslöser für eine Migräne, die Betroffene lange Zeit mühevoll zu vermeiden gesucht haben, sind manchmal nämlich gar nicht die Schuldigen – sondern vielmehr frühe Anzeichen für die sich bahnende Attacke.

Wer immer dachte, der verspannte Nacken sei schuld an der Migräne, könnte also falsch liegen. Auch besondere Gerüche, die als Trigger dienen könnten, werden vielleicht nur in der Prodromphase besonders stark wahrgenommen. Manche Nahrungsmittel, denen man die Schuld zuweisen möchte: vielleicht nur Anzeichen für Prodrom-Gelüste?

Prodrom der Migräne: frühe Symptome als Warnzeichen, nicht Auslöser

Wie weitreichend das Prodrom der Migräne geht, fassten Migräneexperten Dr. Kaizan und Dr. Goadsby nun in einem Übersichtsartikel in dem Fachjournal Nature Reviews Neurology zusammen. Dr. Goadsby ist Direktor der Kopfschmerzforschungsgruppe des King’s College in London.

Klar ist nämlich inzwischen, dass die Migräne weit mehr als nur Kopfschmerz ist. Diese neurologische Erkrankung beginnt oft weit vor der klassischen pochend-pulsierenden Schmerzen mit frühen Symptomen, eben dem Prodrom. ‚Weit vor’ ist dabei ein dehnbarer Zeitraum von Stunden bis hin zu Tagen. Bekannte frühe Anzeichen sind Lethargie, also Antriebslosigkeit und oft Erschöpfung, häufig exzessives Gähnen, eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen, starker Durst und plötzlich starker Appetit auf bestimmte Nahrungsmittel. Ebenso werden Schlafstörungen, Hyperaktivität und Unruhe genannt.

Auch oft werden leicht angeschwollene Augen (im englischen ‘puffy eyes’), eine scheinbar verstopfte Nase und plötzlich tränende Augen genannt. Manche digitalen Kopfschmerztagebücher (Apps) bieten auch die Möglichkeit, Trigger und Prodromsymptome aufzuzeichnen und so einen tieferen Einblick in die eigenen Symptome zu gewinnen.

Spannende Frage: Welche Gehirnteile machen das Prodrom?

Was diese frühen Symptome für die Migräneforschung so spannend macht: die frühe Phase der Attacke gibt einen Einblick in die Neurobiologie der Erkrankung. Welcher Teil des Gehirns kontrolliert das Gähnen? Welcher das Durstgefühl? Und wo wird der Heißhunger angeschaltet? Wie können während einer Attacke scheinbar normale Sinnesreize plötzlich Schmerzen hervorrufen? All diese Fragen bieten weit mehr Verständnis für Migräne und können zu ganz neuen therapeutischen Ansätzen und Chancen führen. Die bisherige Behandlung, selbst mit den neuesten Medikamenten, greift nämlich immer noch erst spät und vor allem am Kopfschmerz an. Vielleicht liegt es daran, dass bisher viele Mittel nicht ausreichend, ob prophylaktisch oder akut, wirken. Diese therapeutische Lücke könnte mit einem umfassenderen Verständnis der Migräne vielleicht geschlossen werden.

Bisher ist bekannt, dass die frühen Symptome ganz grob in vier Kategorien eingeordnet werden können: kognitive Symptome und Stimmungsänderungen, die Gruppe der Erschöpfungs- und Wachheitssymptome, verschiedene hormonelle Symptome (etwa plötzliches Schwitzen) und eher klassische Sinnes- und Migränesymptome (z. B. Überempfindlichkeit gegen Licht).

Vergleich von Gehirnaktivität und frühen Symptomarten

Der Vergleich von Gehirnaktivität während der frühen Phase der Migräne mit gesunden Menschen oder migränefreien Phasen deutet auf mehrere Gehirnteile, die aktiv am Migränegeschehen beteiligt sind. Diese Regionen lassen sich ebenfalls gut den oben genannten Kategorien zuordnen. Das limbische System etwa steht in Bezug zu Stimmungsschwankung oder -änderung. Das Mittelhirn dagegen ist, vereinfacht gesagt, in die Verarbeitung von Sinneseindrücken, aber auch von Aufmerksamkeit, Wachheit und Tag-Nacht-Rhythmen involviert. Der Hypothalamus schließlich übernimmt mehr hormonelle Aufgaben sowie die Steuerung von Körpertemperatur, Blutdruck und Ähnlichem. In diesen Regionen zeigt sich schon in frühen Phasen der Migräne ein deutlich anderes Bild, als man es im gesunden Menschen finden würde.

Die Fehlsteuerung schon Stunden und Tage vor der Kopfschmerzphase deutet auf verschiedene Substanzen im Gehirn, die die Attacke anbahnen. Auf dieser Grundlage suchen Forscher nun nach Ansatzpunkten für eine grundlegendere Migränetherapie.

Zukunftsweisende Forschung, um Migräne noch vor dem Kopfschmerz zu stoppen

Die frühe Phase der Migräne könnte also eine besondere Wendung der Geschichte bringen: die früheren Auslöser als Mittel zur Heilung? Noch ist das Zukunftsmusik. Immerhin aber hilft es vielleicht schon jetzt manchen Betroffenen, zu verstehen, dass nicht alle Trigger tatsächlich die Migräne auslösen, sondern eventuell vor ihr warnen. Und womöglich kann mit diesem Wissen der Aufprall der Migräneattacke etwas rascher abgedämpft werden.

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Referenzen:

Karsan N, Goadsby PJ. Biological insights from the premonitory symptoms of migraine. Nat. Rev. Neurol. 2018. Available at: http://www.nature.com/articles/s41582-018-0098-4.