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Multiple Sklerose

Wir müssen mal reden: Kontext und Hürden im Gespräch zwischen Arzt und MS-Patient

Original Titel:
Understanding Treatment Decisions from the Perspective of People with Relapsing Remitting Multiple Sclerosis: A Critical Interpretive Synthesis.

Kurz & fundiert

  • Qualitative Auswertung der Literatur zur Therapiewahl im Arzt-Patienten-Gespräch
  • Persönlicher Kontext ist wichtig, aber nicht immer thematisiert
  • Komplexe Entscheidungsfindung: Lebensumstände und individuelle Ziele als Mitbestimmer für die beste Therapie
  • Bedarf für fachlich unterstützte, breiter angelegte Entscheidungsfindung für die Patienten-orientierte Therapiewahl

 

DGP – Die Therapiewahl für MS-Patienten stellt ein komplexes Thema dar, berichten britische Forscher als Fazit ihrer qualitativen Auswertung der Forschungsliteratur zum Arzt-Patienten-Gespräch. Individuelle Lebensumstände und Ziele müssen demnach stärker für die beste Therapiewahl berücksichtigt werden, werden allerdings häufig nicht ausreichend angesprochen. Eine durch den Patienten mitgetragene Behandlungswahl zu ermöglichen wäre, schreiben die Autoren, ein wichtiges Ziel, für das die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessert werden sollte.


Zwar gibt es noch keine Möglichkeit, die Multiple Sklerose (MS) zu heilen, aber krankheitsmodifizierende Medikamente können die Rückfallrate und die zunehmenden Beeinträchtigungen und Behinderungen infolge der Erkrankung reduzieren. Inzwischen steht eine Vielzahl von Behandlungsoptionen zur Verfügung. Welche Therapie jeweils für einen Betroffenen die im Moment beste Option ist, ist eine komplexe Entscheidung, die im Gespräch zwischen Arzt und Patient getroffen werden muss. Dabei geht es einerseits um Neben- und Wechselwirkungen, wenn beispielsweise andere Therapien eine Rolle spielen, Vor- und Nachteile der jeweiligen Behandlung und Lebensumstände oder auch besondere Symptome, die berücksichtigt werden müssen.

Britische Forscher führten nun eine Synthese aus systematisch recherchierten Veröffentlichungen zur Therapiewahl und Kommunikation zwischen Arzt und Patient mit MS. Sie konnten 83 Publikationen in ihre Analyse einschließen und qualitativ auswerten.

Qualitative Auswertung der Literatur zur Therapiewahl im Arzt-Patienten-Gespräch

Dabei zeigte sich, dass der Kontext als wichtiger Faktor beim Austausch über Behandlungen und Behandlungsoptionen zu sehen ist. Beispielsweise stehen für eine junge Frau mit Kinderwunsch andere Ziele im Vordergrund als für ältere Menschen, deren Familienplanung abgeschlossen ist. Ebenso sind die Bedürfnisse und Ziele junger Betroffener in Ausbildung und Studium von denen zu unterscheiden, die beispielsweise den Lebensunterhalt für ihre Familie verdienen müssen.

Während das Thema Kinderwunsch häufig rasch geklärt wird, gibt es also weitere individuelle Elemente, die wichtig sind, aber nicht immer im Rahmen der Behandlungsentscheidung diskutiert werden. Beispielsweise mag man im direkten Gespräch häufig ungern über sexuelle Probleme sprechen. Gleichzeitig spielt in einem Arzt-Patienten-Gespräch auch immer die Rollenverteilung der Gesprächspartner mit. Manche Themen würden Patienten vielleicht ungern ansprechen, da sie ihnen zu unwichtig erscheinen – eine falsch verstandene Höflichkeit gegenüber dem Arzt. Wiederum andere Themen können von Arzt und Patient unterschiedlich verstanden werden. Für den Arzt mögen abstrakte Werte und die Erfahrung aus der Behandlung vieler Patienten ausreichend Information über die Wirksamkeit einer Therapie bieten, für den Patienten stehen aber Abwägungen von Verlusten versus Chancen durch die Behandlung in Bezug auf die individuellen Ziele im Vordergrund.

Persönlicher Kontext ist wichtig, aber nicht immer thematisiert

Durch die individuellen Ziele und Lebensumstände wird also der Blick auf die Wirksamkeit eines Medikaments verändert. Für manche Betroffene könnten Schmerzlinderung und Verlangsamung der Progression wichtiger sein, für andere kann die Fatigue die kritischste Problematik sein, die von einem Medikament gebessert werden soll. Für manche Betroffene wäre also beispielsweise eine Nebenwirkung wie Schläfrigkeit akzeptabel, für andere wiederum nicht.

Komplexe Entscheidungsfindung: Lebensumstände und individuelle Ziele als Mitbestimmer für die beste Therapie

Auch können nach dem Gespräch weitere Fragen aufkommen. Wurde etwas nicht verstanden, oder sind scheinbare Kleinigkeiten unklar, möchten Patienten nicht immer den Arzt fragen. Während Internetgruppen, Freunde und Familie gute Ansprechpartner für emotionale Unterstützung sind, sind sie aber nicht immer medizinisch ausreichend informiert, um sinnvoll weiterhelfen zu können. Zudem ist es oft schwierig, für einen selbst relevante und sinnvolle Informationen aus der Masse der Beiträge, beispielsweise in Internetforen, herauszufiltern (Green et al., 2020 im Journal of Medical Internet Research veröffentlicht).

Bedarf für fachlich unterstützte, breiter angelegte Entscheidungsfindung für die Patienten-orientierte Therapiewahl

In der Unterhaltung über medizinische Entscheidungen können demnach Fragen unausgesprochen bleiben, die relevant für die Wahl der Therapie sind. Besonders ändert sich auch die Zielsetzung der Behandlung mit den Lebensumständen und dem Erkrankungsverlauf der Patienten. Die Autoren betonen, dass im Arzt-Patienten-Gespräch diese sehr individuelle Problematik bedacht werden sollte. Möglichkeiten sind etwa, zentrale Gesprächsthemen vorab durch einen Fragebogen zu erfassen, externe Gesprächskontakte zur Klärung offener Fragen und Bedenkzeit anzubieten, um eine bessere, durch den Patienten mitgetragene Behandlungswahl zu ermöglichen.

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