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Musik gezielt gegen chronische Schmerzen einsetzen
Experten-Tipp
Berlin – In Deutschland leiden mehr als zwölf Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Hauptsächlich kommen dagegen Medikamente, operative Eingriffe, Physiotherapie und Entspannungsverfahren zum Einsatz. Aber auch die therapeutische Anwendung von Musik kann Schmerzen lindern – ganz ohne medikamentöse Nebenwirkungen. Wie Musik gegen Schmerz wirkt, was effektiv ist und welche Übung gegen Kopfweh & Co. sich ohne Aufwand auch zu Hause ausprobieren lässt, erläutert ein Experte der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft e.V. (DMtG).
Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. sind etwa 17 Prozent aller Deutschen von chronischen Schmerzen betroffen, wobei Dauerschmerz oft mit depressiver Stimmung, angstvollen Gedanken, Schlafstörungen und verminderter Konzentration einhergeht. Rücken- und Kopfschmerzen sowie Schmerzen an den Gelenken zählen mit Nerven- und Tumorschmerzen zu den häufigsten Beschwerden. Neben immensem Leid verursachen chronische Schmerzen in Deutschland jährlich schätzungsweise 38 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Kosten.
Schmerzlindernde Wirkung ist gut belegt
Den Leidensdruck zu reduzieren, ist das Ziel der Musiktherapie bei chronischen Schmerzzuständen. Die schmerzlindernde Wirkung von Musik zählt zu den am besten belegten Phänomenen der Musikmedizin.1 So zeigen Untersuchungen, dass Musik neuronale Schaltkreise anspricht, die sowohl an der Schmerzverarbeitung als auch an der Belohnungserfahrung beteiligt sind. „Musiktherapie löst Verspannung und verbessert den emotionalen Umgang mit Schmerz“, erläutert DMtG-Experte Professor Dr. Alexander F. Wormit, der klinische Musiktherapie an der SRH University of Applied Sciences Heidelberg lehrt. Darüber hinaus wirken sich musikbasierte Interventionen positiv auf Stress- und Angstniveaus, Müdigkeit, physiologische Reaktionen und negative Gedanken aus.1
Aktiv musizieren hat den größten Effekt
Wie das am effektivsten funktioniert, demonstriert eine Übersichtsarbeit mit 63 Studien über den Einsatz musikbasierter Interventionen zur Behandlung chronischer Schmerzen.2 Demzufolge hat das passive Hören vorgegebener Musik eine geringere Wirkung auf das Wohlbefinden, während die Rezeption selbstgewählter Musik schon erfolgreicher ist. „Der größte positive Einfluss entsteht jedoch, wenn Patient*innen sich selbst aktiv mit der von ihnen bevorzugten Musik auseinandersetzen, indem sie ein Instrument spielen oder sich mit Liedtexten beschäftigen“, resümiert Wormit.
Reduktion um zwei Punkte auf der Schmerzskala
In dieselbe Richtung weist eine aktuelle Studie aus den USA, die 2039 professionell begleitete Musiktherapiesitzungen auswertete, die für 1203 erwachsene Patienten erbracht wurden.3 Die Betroffenen gaben vor der Musiktherapiesitzung eine Schmerzintensität von mindestens vier Punkten auf einer Schmerzskala von eins bis zehn an. „Die Wahrscheinlichkeit, nach nur einer Musiktherapiesitzung eine spürbare Schmerzreduktion von mindestens zwei Punkten zu erfahren, war am höchsten, wenn die Patient*innen aktiv ein Instrument spielten, sangen oder sich musikgestützt auf Gedankenreise begaben“, berichtet Wormit.
Gut geeignet für emotional verschlossene Menschen
Dabei können die Reaktionen auf Musiktherapiesitzungen sehr individuell ausfallen, weiß der Experte für klinische Musiktherapie. Besonders gut geeignet seien die Übungen für Menschen, die Schwierigkeiten haben, mit ihren Emotionen umzugehen. „Menschen, die sich nicht öffnen können oder sich schlecht spüren, sind häufig erstaunt über ihren unmittelbaren Gefühlsausdruck bei musiktherapeutischen Anwendungen“, so Wormit.
SOS-Tipp: Lieblingsmusik zu einem Wohlfühlbild hören
Schmerzgeplagte können die heilsame Kraft der Musik auch allein ohne therapeutische Begleitung zu Hause für sich einzusetzen versuchen, um akute Schmerzschübe besser zu bewältigen oder negative Gedankenspiralen zu durchbrechen. Wormit empfiehlt dafür eine Übung aus seiner Praxis:4 „Betroffene wählen zunächst ein Bild, das positive Gefühle stimuliert.“ Das könne beispielsweise ein Erinnerungsfoto aus dem Urlaub oder ein Bild aus der Natur sein. Das Wohlfühlbild betrachtend, spielt der Betroffene dann dazu ein selbstgewähltes Musikstück ab, das im Urlaub gehört wurde oder zum Naturbild passt. Wichtig dabei: Der positive Effekt sollte sich innerhalb von ein bis zwei Minuten einstellen. „Falls die Übung nicht hilft oder nicht guttut, besser beenden“, rät Wormit.
Auch hilfreich: Playlist erstellen und sich dazu bewegen
Für Menschen mit chronischen Schmerzen, die es noch niederschwelliger mögen, hat der Musiktherapie-Experte einen alternativen Tipp:1 „Eine Playlist mit bevorzugter Musik zusammenstellen und synchrone Bewegungen dazu ausführen – mit dem Fuß tippen, nicken oder im Takt gehen. Auch das kann schon helfen.“
Literatur:
- Koelsch, S., & Bradt, J. (2025). A neuroscientific perspective on pain-reducing effects of music: Implications for music therapy and mental well-being. Ann NY Acad Sci., 1550, 71–76. https://doi.org/10.1111/nyas.70015.
- Cournoyer Lemaire, E., & Perreault, M. (2024). The use of music in the treatment of chronic pain: a scoping review. Pain Management, 14(10–11), 579–589. https://doi.org/10.1080/17581869.2024.2435243
- Rodgers-Melnick, S.N., Gunzler, D., Love, T.E., Koroukian, S.M., Beno, M., Dusek, J.A. & Rose, J. (2025): Impact of sociodemographic, clinical, and intervention characteristics on pain intensity within a single music therapy session. J Pain. 2025 Nov;36:105556. doi: 10.1016/j.jpain.2025.105556. Epub 2025 Sep 11. PMID: 40945641; PMCID: PMC12822826.
- Geipel, J. & Wormit, A.F. (2025). Musiktherapie bei Depressionen und Schmerzerkrankungen: Behandlungskonzepte für Jugendliche und Erwachsene. München: Reinhardt.