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Neue Immuntherapie gegen Nervenerkrankung
Am Universitätsklinikum Jena konnte ein interdisziplinäres Behandlungsteam bei zwei Patientinnen mit einer autoimmunen peripheren Nervenerkrankung eine überraschend schnelle und deutliche Besserung erreichen. Es setzte dafür den ursprünglich für das Multiple Myelom entwickelten Wirkstoff Teclistamab ein und berichtet über die Fälle in Nature Communications.
Jena (UKJ/vdG). Erst Kribbeln, dann Taubheit in Fingern und Füßen, später Zittern und Gleichgewichtsstörungen, sodass das Gehen unsicher wird und immer schwerer fällt – über Jahre schreitet die Erkrankung fort und schränkt die Betroffenen immer mehr ein. Die Patientin der neuroimmunologischen Spezialambulanz am Universitätsklinikum Jena konnte zuletzt nur noch kurze Strecken gehen, nur beidseitig gestützt, Treppensteigen war nahezu unmöglich. Doch auch als die Ursache der Beschwerden – eine autoimmunvermittelte Erkrankung des peripheren Nervensystems – endlich feststand, gelang es nicht, die Erkrankung zu stabilisieren.
Keine ursächliche Therapie gegen Autoimmun-Nervenerkrankung
Denn eine zugelassene Therapie, die die Ursache der Krankheit bekämpft, gibt es bislang nicht. Ausgelöst durch eine Fehlsteuerung produziert das Immunsystem bei der Erkrankung massenhaft IgM-Antikörper, die die nervenumhüllenden Markscheiden angreifen, sodass diese ihre wichtigen Funktionen – die Unterstützung der Signalübertragung sowie Schutz und Ernährung der Nervenfaser – nicht mehr erfüllen können. Dadurch verschlechtert sich die Reizleitung, und langfristig sterben Nervenzellen ab. Zur Verbesserung werden Kortikosteroide oder andere die Immunreaktion dämpfende Wirkstoffe eingesetzt, Plasmapherese kann die krankmachenden Antikörper im Blut reduzieren. Bei der Patientin zeigten diese Maßnahmen aber nur sehr geringe und kurzanhaltende positive Effekte. Genauso ging es einer zweiten Patientin der Spezialambulanz, deren Leidensgeschichte sogar noch länger war.
Neuer Behandlungsansatz
Dr. Jonathan Wickel und Dr. Mihai Ceanga, die behandelnden Ärzte der Patientinnen, suchten deshalb nach einem neuen Behandlungsansatz. Sie nutzen dafür den Wirkstoff Teclistamab, der eigentlich zur Behandlung des Multiplen Myeloms eingesetzt wird. Bei dieser Krebserkrankung des Knochenmarks vermehren sich die Plasmazellen, eine Gruppe der weißen Blutkörperchen, unkontrolliert und behindern so die gesunde Blutbildung und den Knochenstoffwechsel. Das Medikament bringt T-Zellen als körpereigene Abwehrzellen unmittelbar zu den entarteten Plasmazellen, sodass sie diese zerstören können. Genau diese Eigenschaft wollten die Neurologen nutzen, denn die krankmachenden Antikörper der Nervenerkrankung werden von den Plasmazellen produziert.
Schnelle und deutliche Besserung
In einem Heilversuch erhielten die beiden Patientinnen innerhalb von sechs Wochen vier Injektionen des Medikaments. Überraschend schnell und deutlich trat bei beiden eine Besserung ein. Innerhalb weniger Wochen konnten die Patientinnen wieder erheblich sicherer und weiter gehen. Monatliche klinische und Laboruntersuchungen dokumentieren diese Verbesserung: „Die auslösenden IgM-Antikörper bzw. Paraproteine waren schon nach kurzer Zeit nicht mehr im Blut nachweisbar. Auch fanden wir weniger Neurofilamente, die als Fragmente beim Abbau von Nervenzellen ins Blut gelangen“, so Jonathan Wickel. Ultraschalluntersuchungen zeigten zurückgehende Entzündungsprozesse an den Nerven. Deren Funktion verbesserte sich wesentlich. Mihai Ceanga: „Einige Nerven, die vor der Therapie in der Elektroneurographie überhaupt keine messbare Antwort mehr zeigten, wurden wieder elektrisch nachweisbar. Insgesamt erholte sich die Nervenleitung deutlich.“ Wichtig auch: Bei beiden Patientinnen traten seit der Behandlung vor mehr als einem Jahr keine schweren Nebenwirkungen auf.
„Die beiden Fälle zeigen, dass moderne Krebs-Immuntherapien möglicherweise auch bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden können. Hier ist es uns gelungen, gezielt gegen die antikörperproduzierenden Zellen vorzugehen und nicht nur die Folgen der Autoimmunreaktion zu behandeln. Um die Sicherheit und Effektivität dieses Behandlungsansatzes zu untermauern, braucht es nun klinische Studien“, wertet Prof. Dr. Christian Geis, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Jena, die Ergebnisse.
Originalpublikation:
Wickel, J., Ceanga, M., Vlad, B. et al. Therapeutic effect of T-cell engager in two patients with autoimmune neuropathy. Nat Commun 17, 4816 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-73819-1