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Chronischer Schmerz und Schlaf: Die Psyche ist ein wichtiger Faktor

Deutscher Schmerzkongress 2026

Mannheim – 3 von 4 Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, liegen nachts regelmäßig wach. Bei Schmerzen und Schlafstörungen wirkt ein komplexes Zusammenspiel von psychischen und neurobiologischen Faktoren. So befasst sich die Forschung etwa mit der Frage: Stört der Schmerz den Schlaf oder beeinflusst vielmehr schlechter Schlaf die Schmerzwahrnehmung? Und wie entkommen Betroffene dem Teufelskreis aus Schmerz und Schlaflosigkeit? Aktuelle Fragen rund um Insomnie und Schmerz und weitere neue Erkenntnisse der Schmerzmedizin diskutieren Expertinnen und Experten im Rahmen des Deutschen Schmerzkongresses, der vom 21. bis 24. Oktober in Mannheim stattfindet.

Schlafstörungen haben bei allen Bevölkerungsgruppen in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Besonders betroffen sind Menschen mit chronischen Schmerzen: Bei ihnen geben etwa 3 von 4 an, unter Schlafstörungen zu leiden. „Wer unter körperlichen Schmerzen leidet, findet nachts oft keine bequeme Schlafposition oder ist durch schmerzbedingtes Schonverhalten tagsüber nicht ausreichend müde in der Nacht“, erklärt Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Anke Diezemann-Prößdorf, Leitende Psychotherapeutin am Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz. Gleichzeitig zeigt eine Übersicht von Langzeitstudien mit mehr als 60.000 Probanden: Verschlechtert sich der Schlaf, steigt wiederum das Risiko für später auftretende Schmerzerkrankungen.

Die Psyche bei Schlaflosigkeit: Kognitive Erregung als Prädiktor wichtiger als körperlicher Schmerz

Wer unter chronischen Schmerzen und Schlaflosigkeit leidet, gerät rasch in einen regelrechten Teufelskreislauf: Der Schmerz verhindert das Einschlafen, was wiederum zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Sorge führt und das Einschlafen erst recht erschwert. Die Schlaflosigkeit erfährt dann noch mehr Aufmerksamkeit und wird zum Stressor. Dieser wiederum verschlechtert die körperlichen Schmerzen weiter. „Tatsächlich zeigen Studien, dass bei Schlafproblemen die psychologischen Faktoren den entscheidenden Einfluss haben: Kognitive Erregung wie Grübeln und Anspannung sowie die Stimmung vor dem Einschlafen sagten den anschließenden Schlaf besser voraus als die körperlichen Schmerzen“, so Diezemann-Prößdorf.

Neurobiologie: Stört der Schmerz den Schlaf oder beeinflusst schlechter Schlaf den Schmerz?

Neben psychologischen Faktoren bestehen komplexe neurobiologische Zusammenhänge zwischen Schmerz und Schlaf, die aktuell weiter erforscht werden. „Obwohl Schmerz den Schlaf beeinträchtigen kann, weisen aktuelle Befunde eher darauf hin, dass Schlafstörungen vor allem die Schmerzverarbeitung negativ beeinflussen“, so Diezemann-Prößdorf. So können Schlafmangel und Schlafentzug etwa die körpereigene Schmerzhemmung beeinträchtigen und eine empfindlichere Reaktion auf Schmerzreize zur Folge haben. Auch Stressregulation und Entzündungsprozesse können sich verändern. Untersuchungen am Menschen zeigen nach Schlafmangel unter anderem leicht erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol und stärkere Cortisolreaktionen auf Belastungen. Wie diese Mechanismen zusammenspielen und zur Entstehung oder Verstärkung chronischer Schmerzen beitragen, ist noch nicht vollständig geklärt.

Wie kann der Kreislauf von Schmerz und Schlafstörung durchbrochen werden?

„Grundsätzlich gilt: Bei anhaltenden Schmerzen und Schlaflosigkeit sollten mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen ärztlich abgeklärt werden. Begleiterkrankungen wie Schlafapnoe, Depressionen, oder posttraumatische Belastungsstörungen benötigen eine gezielte Behandlung“, so Diezemann-Prößdorf. „Ansonsten ist bei chronischer Insomnie die kognitive Verhaltenstherapie die erste Wahl, auch bei Menschen mit chronischen Schmerzsyndromen.“ Ein wichtiger Therapiebaustein kann dabei die sogenannte Stimuluskontrolle sein. Betroffene lernen dabei, erst ins Bett zu gehen, wenn sie schläfrig sind, und dort nicht zu lesen oder zu arbeiten. Eine gezielte Begrenzung der Bettzeit, die sogenannte Schlafrestriktion, kann ebenfalls helfen. Außerdem wichtig:

  • Den Schlaf im Alltag unterstützen: Regelmäßige Aufstehzeiten, körperliche Bewegung entsprechend der eigenen Belastbarkeit und ein ruhiges Abendritual können hilfreich sein. Das Schlafzimmer sollte ruhig, dunkel und kühl sein. Auch der Verzicht auf häufiges nächtliches Uhrenschauen, weniger Koffein am Nachmittag und Abend sowie kein Alkohol als Einschlafhilfe können den Schlaf unterstützen.
  • Soziales Netzwerk pflegen: Ein stabiles soziales Netzwerk und Resilienz helfen beim Umgang mit chronischem Schmerz und Schlaflosigkeit.
  • Körperliche Beschwerden gezielt lindern: Je nach Ursache der chronischen Schmerzen können eine entlastende Lagerung, Wärme oder sanfte Dehnübungen die Behandlung ergänzen und Muskelspannung reduzieren. Bei Darmbeschwerden, z. B. beim Reizdarmsyndrom, kommen gegebenenfalls Darmmassagen infrage.

„Chronische Schmerzen ebenso wie Schlafstörungen sind weit verbreitet und stehen in einem komplexen Wechselverhältnis – und sie verursachen nicht nur bei einzelnen Betroffenen großes Leid, sondern auch große volkswirtschaftliche Folgekosten“ resümiert Prof. Dr. Irmela Gnass, Kongresspräsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft. „Umso besorgter blicken wir aktuell auf die gesundheitspolitischen Maßnahmen, die ganz besonders die Psychotherapie und die Schmerzmedizin betreffen – etwa in der Streichung der Leistungsgruppe Schmerzmedizin im KHVVG. Was wir heute einsparen, kann uns in Zukunft volkswirtschaftlich, etwa durch krankheitsbedingte Ausfallzeiten, umso teurer zu stehen kommen.“

Das Thema Schlafstörung und Schmerz war ein Thema der Vorab-Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses 2026 am 13. Oktober. Die Pressemappe sowie Aufzeichnung der Pressekonferenz finden Sie hier: https://deutscherschmerzkongress.de/presse/

Literatur:

Terminhinweis:

Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses 2026
Termin: Donnerstag, 22. Oktober, 11.00 bis 12.00 Uhr
Ort: Bruno-Schmitz-Saal, Congress Center Rosengarten, Mannheim
Anmeldung für Journalistinnen und Journalisten zur Online-Teilnahme: https://us06web.zoom.us/webinar/register/WN_sGj22mNCTceZ1VAChXhKGA

Themen und Referierende

Aktualisierung der Leitlinie „Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen Schmerzen“ – was ändert sich?
Prof. Dr. med. Frank Petzke
Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, Leiter Schmerzmedizin, Klinik für Anästhesiologie am Universitätsmedizin Göttingen

Therapie der Migräne: Wie viel Präzisionsmedizin ist möglich?
PD Dr. med. Robert Fleischmann
Kongresspräsident der DMKG, Leiter des Kopfschmerzzentrums, Universitätsmedizin Greifswald

Folgen der aktuellen Gesundheitspolitik für Schmerzpatientinnen und -patienten
PD Dr. med. Lars Neeb
Präsident der DMKG, Chefarzt der Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel

Lässt sich der Chronifizierung von Schmerzen vorbeugen? Die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse zu PAIN 2.0
PD Dr. rer nat. Ulrike Kaiser
Leitende Psychologin, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck