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Wie sich Corona-Impfverweigerung überwinden lässt: Neue Erkenntnisse

Die Konstanzer Verhaltensökonomin Dr. Katrin Schmelz und Prof. Dr. Samuel Bowles vom Santa Fe Institute, New Mexico, zeigen, dass eine Verpflichtung zur Corona-Impfung möglichst vermieden werden sollte: Eine Pflicht würde nicht nur bei vielen die Eigenmotivation zur Impfung untergraben, sondern auch hohe gesellschaftliche und politische Kosten mit sich bringen.

So schwer die Pandemie in Millionen Leben auch eingegriffen hat: In Deutschland gibt es keine Pflicht, sich gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen. In anderen Ländern ist eine solche Verpflichtung längst eingeführt, sei es für Pflegekräfte in Italien oder für Studierende in Kalifornien. Werden sich in Deutschland genug Menschen freiwillig impfen lassen, um die Pandemie zu beenden? In Israel etwa, lange Zeit Vorreiter bei den Impfungen, stagniert das Impfniveau bei rund 63 Prozent. In Deutschland ist die Frage beim derzeitigen Stand der Impfkampagne noch offen, dürfte aber im Laufe der nächsten Monate an Relevanz gewinnen.

Der Bereitschaft zur freiwilligen Impfung und möglichen Reaktionen auf eine Impfpflicht sind die Verhaltensökonomin und Psychologin Dr. Katrin Schmelz und ihr amerikanischer Kollege Prof. Dr. Samuel Bowles nachgegangen. In der repräsentativen Online-Befragung „Leben im Ausnahmezustand“, die der Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz durchführte, fragten sie nach dem persönlichen Impfwunsch: Würden die Befragten sich freiwillig impfen lassen wollen? Und würden sie sich immer noch gern impfen lassen, wenn eine Impfpflicht ihnen die Entscheidung aus der Hand nähme?

Vertrauen in Regierung und Wissenschaft ist zentral

Eine Besonderheit der Studie von Schmelz und Bowles ist die Durchführung als „Panel“: Jeweils im Frühjahr und im Herbst 2020 wurden dieselben rund 2.600 Personen befragt. Deren freiwillige Impfbereitschaft blieb unverändert hoch bei etwa zwei Dritteln. Anders die Bereitschaft unter verpflichtenden Bedingungen: In der ersten Befragungswelle blieb der Impfwunsch im Falle einer Pflicht nur bei 44 Prozent der Befragten erhalten, in der zweiten Welle waren es lediglich 28 Prozent.

Durch die wiederholte Befragung derselben Personen können die Forschenden nachvollziehen, welche Gründe zu einem vermehrten Widerstand gegen eine mögliche Impfpflicht führen. „Das Vertrauen in öffentliche Institutionen hat einen entscheidenden und direkten Einfluss: Wer dem Staat misstraut, mag sich schon gar nicht zum Impfen zwingen lassen“, sagt Katrin Schmelz. „Die Akzeptanz einer möglichen Impfpflicht – aber auch die freiwillige Impfbereitschaft – ist gerade bei den Menschen merklich zurückgegangen, die zwischen den ersten beiden Lockdowns Vertrauen in unsere Regierung und die Wissenschaft verloren haben. Im Durchschnitt war das politische Vertrauen im Herbst allerdings noch genauso hoch wie im vorherigen Frühjahr: Menschen, die Vertrauen in den Staat verloren haben, halten sich die Waage mit Menschen, die Vertrauen gewonnen haben.“

Vom Herdentrieb zur Herdenimmunität?

Wieviele Menschen sich letzten Endes tatsächlich freiwillig impfen lassen werden, lässt sich noch nicht sagen. Schmelz und Bowles argumentieren aber, dass es sich für die Regierung lohnen könnte, in die freiwillige Impfbereitschaft der Bevölkerung zu vertrauen. Anhand einer theoretischen Modellierung zeigen sie: Je größer der Anteil der bereits geimpften Bevölkerung, desto mehr Ungeimpfte entwickeln den Wunsch, sich ebenfalls impfen zu lassen, zumindest bis zu einem gewissen Punkt.

„Das liegt daran, dass man sich für persönliche Entscheidungen stark am sozialen Umfeld orientiert“, erklärt Katrin Schmelz. „Haben die Nachbarn, Freunde und KollegInnen sich bereits freiwillig impfen lassen, steigt der Wunsch, selbst auch diesen Schritt zu gehen. Dieser Konformitätseffekt dürfte viele derjenigen mitziehen, die sich im Augenblick noch nicht impfen lassen möchten oder unentschieden sind.“

Eine Impfpflicht könnte die Impfmotivation deshalb nicht nur direkt – aus Widerstand gegen Zwang – verringern, sondern auch indirekt: Die freiwillige Impfentscheidung anderer sendet ein positives Signal, und das geht verloren, wenn sie bei der Impfentscheidung keine Wahl hatten.

Kosten einer möglichen Impfpflicht

Sollte die Impfkampagne in Deutschland im Laufe der Zeit ins Stocken geraten, sollten die politisch Entscheidenden sich der möglichen Kosten einer Impfpflicht bewusst sein, meint Samuel Bowles: „Der Widerstand gegen das Impfen würde zunehmen, und vermutlich würde auch die Entfremdung der Bevölkerung von den Regierenden und ihren wissenschaftlichen und medizinischen Experten zunehmen.“

Über Corona hinaus: Klimawandel und plurale Gesellschaft

Aus den Ergebnissen der Studie ließen sich noch sehr viel weitergehende Schlüsse ziehen, betont Katrin Schmelz: „Es gibt viele Bereiche, in denen die freiwillige Mitwirkung der Bevölkerung zur Umsetzung staatlicher Maßnahmen notwendig ist – etwa weil die Kosten der Durchsetzung von staatlichem Zwang zu hoch sind und weil Zwang nicht der demokratischen Orientierung der Bevölkerung entspricht. Das betrifft vor allem Maßnahmen, die in die persönliche Lebensführung eingreifen: sei es zur Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes in der Bekämpfung des Klimawandels, oder auch zur Förderung von Toleranz und Inklusion in unserer zunehmend pluralen Gesellschaft.”

Faktenübersicht:

  • Aktuelle Publikation:
    Katrin Schmelz, Samuel Bowles (2021): Overcoming COVID-19 Vaccination Resistance When Alternative Policies Affect the Dynamics of Conformism, Social Norms and Crowding-Out. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) 118, DOI: 10.1073/pnas.2104912118
    https://www.pnas.org/content/118/25/e2104912118
  • Vorangegangene Publikation:
    Schmelz, K. (2021): Enforcement may crowd out voluntary support for Covid-19 policies, especially where trust in government is weak and in a liberal society. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 118(1).
    https://doi.org/10.1073/pnas.2016385118.
  • Befragungsprogramm „Leben im Ausnahmezustand“ des Konstanzer Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“: http://ungleichheit.uni.kn/forschung/covid-19-und-soziale-ungleichheit-umfrage-programm/
  • Dr. Katrin Schmelz ist Verhaltensökonomin und Psychologin an der Professur für Angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Konstanz und am Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI). Ihre Forschungsinteressen gelten dem Zusammenhang zwischen (intrinsischer) Motivation und Anreizen sowie dem Einfluss von Kultur und Institutionen auf Verhalten.
  • Prof. Dr. Samuel Bowles ist Forschungsprofessor und Direktor des Programms für Verhaltenswissenschaften am Santa Fe Institute, New Mexico. Er forscht zur Entwicklung von Institutionen und Verhalten sowie zu Ungleichheitsdynamiken.