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Bewegung verbessert die sozialen Fähigkeiten bei Schulkindern
Kurze Sporteinheiten können Kindern dabei helfen, soziale Beziehungen aufzubauen. Das zeigen Forschende des Departements Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel. Mit einer «aktiven» grossen Pause könnten die Erkenntnisse spielerisch in den Schulalltag integriert werden.
Bewegung ist für vieles gut. Sie erleichtert es auch, soziale Kontakte zu knüpfen. Studien zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität und den sogenannten sozial-kognitiven Fähigkeiten besteht. Darunter versteht man Fähigkeiten, die es für das gesellschaftliche Zusammenleben braucht, etwa die Emotionen anderer zu erkennen oder sich in andere hineinzuversetzen.
Melanie Berger ist Doktorandin am Departement Sport, Bewegung und Gesundheit (DSBG) und forscht an der Schnittstelle von Bewegung und kognitiven Fähigkeiten mit Fokus auf Kinder und Jugendliche. «Wir wissen bereits, dass Menschen, die bei der sozialen Kognition gut abschneiden, mehr Sport treiben. Unklar ist jedoch, ob Sport diese Fähigkeit gezielt fördert», so Berger. Das sei bisher kaum wissenschaftlich in einem praxisnahen Kontext untersucht worden.
In ihrer kürzlich im Fachjournal «Medicine & Science in Sports & Exercise» publizierten Studie legten die Forschenden einen Fokus auf die Fähigkeit der Emotionserkennung und erforschten diese praxisnah im Schulkontext.
„Wir wissen bereits, dass Menschen, die bei der sozialen Kognition gut abschneiden, mehr Sport treiben. Unklar ist jedoch, ob Sport diese Fähigkeit gezielt fördert.“
Melanie Berger
Sport alleine fördert schon kurzfristig die Emotionserkennung
Die Forschenden untersuchten, wie Sport die soziale Kognition von 100 Kindern zwischen 9 und 13 kurzfristig beeinflusst. Dazu bildeten sie drei Gruppen. Die erste Gruppe Schulkinder führte 20 Minuten lang spielerische Sporteinheiten mit Kooperation durch. Das bedeutet, die Aufgabenstellung war nur mit der Hilfe anderer zu bewältigen. Die zweite Gruppe bewegte sich ebenfalls für 20 Minuten. Die Aktivität war wieder spielerisch, aber ohne Kooperation, also alleine lösbar. Eine dritte Kontrollgruppe schaute sich während des gesetzten Zeitfensters eine Sport-Doku an und war somit keiner körperlichen Anstrengung ausgesetzt.
Sowohl vor als auch direkt nach dem Sport führten die Forschenden eine Reihe an Tests durch. Zuerst prüften sie in einem Computertest die Emotionserkennungsfähigkeit: Die Kinder sollten Bilder von erwachsenen Menschen jeweils der passenden Emotion zuordnen. Zur Auswahl standen Wut, Angst und Freude. Dabei wurden die Reaktionsgeschwindigkeit und die Genauigkeit erfasst.
Jene Kinder, die die Sporteinheit alleine durchgeführt hatten, zeigten danach eine verbesserte Emotionserkennung. Bei der Gruppe, die die Bewegung mit Kooperation ausgeführt hatte, zeigte sich hingegen keinerlei Verbesserung der sozialen Kognition im Vergleich zur Kontrollgruppe, die die Sport-Doku angeschaut hatte.
Kein kurzfristiger Effekt von gemeinsamem Sport nachweisbar
Melanie Berger zeigt sich überrascht von diesen Ergebnissen, denn die Forschenden hatten auch von den kooperativen Sporteinheiten positive Effekte erwartet. Die Erklärung für das Resultat sieht Melanie Berger vor allem in der Durchführung der Studie: Die Intervention beschränkte sich auf eine einzige Sporteinheit und lässt deswegen nur auf kurzfristige Effekte von Bewegung schliessen.
Wahrscheinlich würde sich die soziale Kognition bei kooperativen Sporteinheiten erst verbessern, wenn die Bewegung über einen längeren Zeitraum regelmässig trainiert wird. Denn die ungewohnte Situation der Kooperation habe möglicherweise die kognitiven Ressourcen bereits erschöpft, so die Annahme der Forschungsgruppe.
Als Nächstes wollen sich die Forschenden also darauf fokussieren, wie sich die sozial-kognitiven Fähigkeiten durch Bewegung in einem langfristigen Training stärken lassen. Sie planen, über die Dauer von zwölf Wochen regelmässig kurze Sporteinheiten mit den Schulkindern durchzuführen. Melanie Berger erklärt: «Wir wollen herausfinden, ob es zu besseren Ergebnissen führt, wenn die Kinder über einen längeren Zeitraum drei Mal die Woche kooperativen Sport machen.
„Kindern mit besserem prosozialem Verhalten fällt es leichter, Anschluss zu finden und sich in neue Gruppen einzufügen“
Melanie Berger
Potenzial positiver Effekte in der Vorpubertät am grössten
Die Forschungsgruppe legt den Fokus auf Kinder im Alter von 9 bis13 Jahren. «Wenn man den Effekt von Sport untersucht, zeigt sich am meisten Potenzial, wenn sich das Gehirn verändert: im Aufbau im Kindesalter oder beim Abbau bei älteren Menschen», erklärt die Wissenschaftlerin.
Bei der untersuchten Altersgruppe ist ein weiterer Aspekt interessant: «In diesem Alter gibt es einen grossen sozialen Shift: Neben der Familie werden Freundesgruppen immer wichtiger. Kindern mit besserem prosozialem Verhalten fällt es leichter, Anschluss zu finden und sich in neue Gruppen einzufügen», weiss Berger.
Sozialer Ausschluss könne dagegen psychische Erkrankungen begünstigen, vor allem wenn er länger besteht. «Wenn man also wissenschaftlich belegen kann, dass Sport die sozial-kognitiven Fähigkeiten fördert, könnten Bewegungsprogramme Kindern helfen, Freundschaften zu knüpfen, sich prosozial zu verhalten und bessere akademische Leistungen zu erbringen.»
Praktische Anwendung im Schulalltag
Wie die Ergebnisse praktische Anwendung finden könnten, ist allerdings noch offen. Geplant ist zunächst, eine Spielesammlung zusammenzustellen, die für Lehrpersonen frei zugänglich ist. Melanie Berger meint: «Diese 20-minütige Sporteinheiten können gut als eine bewegte Pause in den Schulalltag integriert werden.»
Originalpublikation
Melanie Berger et al.
Acute Effect of Exercise with and Without Cooperative Activities on Emotion Recognition in Preadolescent Children: A Randomized Controlled Trial
Medicine & Science in Sports & Exercise (2025), doi: 10.1249/MSS.0000000000003878