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Neue Leitlinie zur Behandlung altersbedingter Verwirrtheitszustände veröffentlicht
Meilenstein für die Altersmedizin in Deutschland: Neue S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ zur Behandlung akuter Verwirrtheitszustände veröffentlicht. Mediziner*innen der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) maßgeblich an der Erarbeitung der Leitlinie beteiligt, die eine einheitliche Vorsorge, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Delirs bei älteren Menschen in Arztpraxen, Krankenhäusern und weiteren Gesundheitseinrichtungen sicherstellt unter Berücksichtigung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Das Delir ist eine akute Störung der Hirnfunktion, die meist plötzlich auftritt und durch Verwirrtheit, Aufmerksamkeitsstörungen, Desorientierung oder verändertes Bewusstsein gekennzeichnet ist. Ausgelöst wird es häufig durch Infektionen, Operationen, Medikamente oder Umgebungsveränderungen – besonders gefährdet sind ältere Patient*innen.
Mediziner*innen der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben maßgeblich zur Entwicklung der neuen S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ beigetragen, die basierend auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen standardisierte Maßnahmen für eine einheitliche Behandlung des Delirs in allen Bereichen der medizinischen Krankversorgung – von Arztpraxen über Krankenhäuser bis hin zu Langzeitpflegeeinrichtungen – definiert. Die Leitlinie wurde am 19. Dezember 2025 vom gemeinsamen Bundesausschuss der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e.V. zur Veröffentlichung im AWMF Leitlinien-Register zur Verfügung gestellt.
„Delir ist häufig, gefährlich und doch oft übersehen – gerade bei älteren Menschen in Klinik, Reha oder Pflegeheim“, betont Prof. Dr. Christine von Arnim, Direktorin der Klinik für Geriatrie der UMG und federführend für die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie in der Leitlinienkonsortialleitung. „Die neue Leitlinie liefert erstmals ein systematisch aufgebautes Konzept entlang des gesamten Behandlungspfades – von der Früherkennung bis zur Nachsorge – an dessen Ausarbeitung verschiedene Berufsgruppen beteiligt waren.“
69 Empfehlungen
Die neue S3-Leitlinie enthält 69 Empfehlungen für alle Versorgungsbereiche wie Klinik, ambulante Versorgung, Pflegeheime und Notfallmedizin. Sie adressiert zentrale Fragen: Wie erkennt man ein Delir frühzeitig? Wie lässt es sich wirksam verhindern? Was hilft im akuten Fall – und wie gelingt eine gute Nachsorge?
Die Entwicklung wurde getragen von einem berufsgruppenübergreifenden Zusammenschluss im deutschsprachigen Raum, an dem mehr als 30 Fachgesellschaften und Berufsverbände aus Medizin, Pflege, Therapie und Sozialwesen beteiligt waren.
Priv.-Doz. Dr. Christine Thomas, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere des Klinikums Stuttgart, hat als Leiterin des vom Gemeinsamen Bundesausschuss geförderten Innovationsfondsprojekts „Delir-Leitlinienentwicklung fürs höhere Lebensalter“, kurz DELEIhLA, den Prozess strukturell und inhaltlich koordiniert.
Wirksame Behandlung ohne Medikamente
Ein zentrales Merkmal der Leitlinie ist der Fokus auf nicht-medikamentöse Behandlungen, deren Wirksamkeit durch eine eigens durchgeführte statistische Analyse von Ergebnissen vorangegangener Studien belegt wurde. „Im Delirmanagement haben sich nicht-medikamentöse Maßnahmen als wirksam erwiesen, darunter die Förderung von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Orientierung, eine strukturierte Kommunikation, Orientierungshilfen sowie Maßnahmen zur Bewegungsförderung und Stabilisierung des Schlaf-Wach-Rhythmus“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Monika Sadlonova, Oberärztin in der Klinik für Geriatrie, in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie in der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie der UMG. In einer im Jahr 2020 abgeschlossenen Studie wurde die Wirksamkeit eines strukturierten Programms zur Delirvorsorge bei älteren Patient*innen mit einem bevorstehenden chirurgischen Eingriff untersucht. In dem „AKTIVER“-Programm kamen unter anderem nicht-medikamentöse Maßnahmen zum Einsatz wie zum Beispiel Unterstützung bei der Mobilisierung, Mahlzeitenbegleitung, Entspannung und Schlafförderung sowie Begleitung zu diagnostischen Untersuchungen. Die Erkenntnisse zeigten, dass die bereits vor der Operation begonnenen Maßnahmen die Wahrscheinlichkeit um bis zu 40 Prozent senken konnten, ein Delir nach einer Operation zu entwickeln. Diese Erkenntnisse sind direkt in die Leitlinie eingeflossen.
UMG: Forschung, Versorgung, Leitlinienarbeit eng verknüpft
Die UMG war in mehrfacher Hinsicht aktiv an der Leitlinienentwicklung beteiligt. Die berufsgruppenübergreifende Zusammensetzung des Autor*innenteams spiegelt die verschiedenen Blickwinkel der Leitlinie wider: Julia Kühnle, Advanced Practice Nurse der UMG, übernahm zentrale Aufgaben bei der systematischen Evidenzrecherche – einer der Grundpfeiler der Leitlinienentwicklung. Priv.-Doz. Dr. Monika Sadlonova trug ihre Expertise insbesondere bei der Untersuchung des Delirrisikos vor geplanten Operationen sowie psychosoziale, pharmakologische und fachübergreifenden Aspekte des Delirmanagements bei. Prof. Dr. Christine von Arnim koordinierte in der Konsortialleitung zentrale Aufgaben der inhaltlichen und methodischen Steuerung, unterstützt von Dr. Stephanie Heinemann, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Klinik für Geriatrie. Beide trugen altersmedizinische Inhalte aus ihren Fachrichtungen bei.
Versorgungsorientierter Handlungsrahmen für alle Berufsgruppen
Die neue S3-Leitlinie bietet klare, alltagstaugliche Handlungsempfehlungen – von der ambulanten Pflege über die Notaufnahme, die Krankenhausbehandlung bis zu Langzeitpflegeeinrichtungen. Mit klaren Kriterien zur Risikobewertung, praktischen Tools zur Delirerkennung und Empfehlungen zur multiprofessionellen Zusammenarbeit richtet sie sich an alle Gesundheitsberufe, die mit älteren Patient*innen arbeiten: Hausärzt*innen, Pflegefachpersonen, Therapeut*innen, Klinik-, Heim- und Rehateams.
„Diese Leitlinie wird die Versorgung älterer Menschen mit Delir grundlegend verbessern – weil sie nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern praktikabel und teamorientiert ist“, so Priv.-Doz. Dr. Sadlonova. „Viele Empfehlungen setzen wir an der UMG bereits erfolgreich im Klinikalltag um.“
Darüber hinaus war die UMG auch an der Entwicklung der Leitlinie für Patient*innen beteiligt, die Betroffene und Angehörige in verständlicher Sprache über Delir, seine Vorbeugung und die unterstützende Begleitung informiert. „Ziel war es, Patientenvertreter*innen aktiv in die Ausarbeitung einzubinden, um die Belange der Betroffenen und Angehörigen in die Leitlinie einfließen zu lassen“, so Julia Kühnle. „Verständliche Aufklärung stärkt Selbstbestimmung und Teilhabe.“
Abrufbarkeit der Leitlinien
Langversion der S3-Leitlinie sowie Patientenleitlinie im AWMF-Leitlinienregister verfügbar.