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Kreuzschmerz mit klarer Ursache: Neue Leitlinie bringt mehr Orientierung für Betroffene und Behandelnde
S2k-Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz
Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) hat ihre Leitlinie zum spezifischen Kreuzschmerz umfassend überarbeitet. Die neue S2k-Leitlinie gibt Ärztinnen und Ärzten eine aktuelle Orientierung, wie Rückenschmerzen mit klarer Ursache diagnostiziert und behandelt werden können. „Während oft keine eindeutige Ursache gefunden wird, steckt bei einem Teil der Betroffenen eine klare körperliche Veränderung dahinter. Die neue Leitlinie hilft, diese schneller zu erkennen und gezielt zu behandeln, damit Schmerzen nicht chronisch werden“, sagt Dr. Jörn Dohle, stellvertretender DGOU-Präsident.
Ein ausführlicher Beitrag zur Leitlinie ist in der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten (OUMN) erschienen.
Schmerzen im Rücken gehören für viele Menschen zum Alltag. „Rückenschmerzen können ganz unterschiedliche Ursachen haben, zum Beispiel Verschleiß an Bandscheiben oder Gelenken, aber auch Muskelverspannungen oder Blockierungen. Entscheidend ist, die Ursache genau zu erkennen. Nur dann können wir Patientinnen und Patienten gezielt helfen“, sagt PD Dr. Stefan Kroppenstedt, Koordinator der Leitlinie. In der überarbeiteten Leitlinie wurde das Spektrum der möglichen Ursachen erweitert. Neu aufgenommen wurden Probleme an den sogenannten Iliosakralgelenken, das sind die Gelenke zwischen Wirbelsäule und Becken.
Die neue Leitlinie rückt auch die Diagnostik stärker in den Mittelpunkt. Entscheidend ist ein genaues Gesamtbild: Gespräche über den Schmerz, körperliche und neurologische Untersuchungen sowie – wenn nötig – bildgebende Verfahren und gezielte Testinjektionen. Gleichzeitig wird der Blick erweitert: Auch psychische Belastungen oder berufliche Faktoren können körperliche Beschwerden verstärken und sollten in die Behandlung einbezogen werden. „Rückenschmerz ist selten nur ein rein körperliches Problem. Wir müssen den Menschen insgesamt betrachten, um die passende Therapie zu finden“, sagt Prof. Dr. Christoph-Eckhard Heyde, Leiter der DGOU-Sektion Wirbelsäule.
Darauf aufbauend empfiehlt die Leitlinie ein klares Stufenkonzept: Zunächst stehen konservative Maßnahmen wie Bewegung, Physiotherapie und Schmerztherapie im Vordergrund. Ziel ist es, die stabilisierende Muskulatur rund um die Wirbelsäule zu stärken, Bewegungsabläufe zu verbessern und Fehl- oder Schonhaltungen abzubauen, die den Schmerz oft verstärken. Gleichzeitig können entzündliche Prozesse beruhigt und überreizte Nerven entlastet werden. Auch eine gezielte Schmerztherapie hilft, den Kreislauf aus Schmerz, Anspannung und eingeschränkter Bewegung zu durchbrechen. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, können gezielte interventionelle Verfahren zum Einsatz kommen, etwa Injektionen, die direkt an den schmerzverursachenden Strukturen wirken und Entzündungen hemmen oder Schmerzsignale reduzieren. Operationen bleiben die letzte Option. Sie sind nur dann sinnvoll, wenn die Ursache der Beschwerden eindeutig identifiziert ist, die Schmerzen anhalten und alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft wurden.
Die neue Leitlinie bündelt den aktuellen Stand des Wissens, sie wurde gemeinsam mit zahlreichen medizinischen Fachgesellschaften entwickelt. Sie ersetzt die Version von 2018.
Beim spezifischen Kreuzschmerz lässt sich eine konkrete Ursache im Körper nachweisen.
Dazu zählen insbesondere:
Verschleißbedingte Veränderungen
– Abnutzung der Wirbelgelenke (Facettengelenksarthrose)
– Veränderungen an Wirbelkörpern und Bandscheiben (z. B. Osteochondrose)
Probleme im Beckenbereich
– Beschwerden im Iliosakralgelenk (Gelenk zwischen Wirbelsäule und Becken)
Engstellen und Instabilitäten der Wirbelsäule
– Spinalkanalstenose (Verengung des Wirbelkanals)
– Wirbelgleiten (Spondylolisthese)
– Defekte im Wirbelbogen (Spondylolyse)
Entzündliche Erkrankungen
– Axiale Spondyloarthritis (entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule)
Weitere strukturelle Veränderungen
– Morbus Baastrup („Kissing Spines“)
Funktionelle Ursachen
– Muskelverspannungen und myofasziale Dysfunktionen
– Bewegungseinschränkungen einzelner Wirbelsäulenabschnitte („Blockierungen“)
FAQ: Häufige Fragen zum spezifischen Kreuzschmerz
1. Woran erkenne ich, ob mein Rückenschmerz „spezifisch“ ist?
Das lässt sich meist nur durch eine ärztliche Untersuchung klären. Hinweise können anhaltende, klar lokalisierbare Schmerzen oder bestimmte Bewegungsabhängigkeiten sein. Sicherheit gibt aber erst die Diagnostik.
2. Bedeutet eine sichtbare Veränderung im Rücken automatisch eine Operation?
Nein. In den meisten Fällen wird zunächst konservativ behandelt. Eine Operation kommt nur infrage, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichend helfen.
3. Welche Rolle spielen MRT oder Röntgen?
Bildgebende Verfahren sind wichtig, um Veränderungen sichtbar zu machen. Sie sind aber nur ein Teil der Diagnostik und müssen immer zusammen mit den Beschwerden bewertet werden.
4. Können auch Stress oder Arbeit den Schmerz beeinflussen?
Ja. Psychische Belastungen, Bewegungsmangel oder körperlich belastende Arbeit können Schmerzen verstärken. Deshalb berücksichtigt die Leitlinie auch diese Faktoren.
5. Was kann ich selbst tun?
Bewegung, gezieltes Training der Rückenmuskulatur und ein bewusster Umgang mit Belastung sind entscheidend. Wichtig ist, gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten die passende Therapie zu finden und aktiv mitzumachen.
Referenzen:
S2k-Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz, AWMF: 187-059l_S2k_Spezifischer-Kreuzschmerz_2024-08.pdf