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5 Jahre Corona: Was wir aus der Pandemie gelernt haben
Am 25. Februar 2020 wurden die ersten Infektionen mit dem Coronavirus in Österreich festgestellt. Die Pandemie wirkt bis heute nach. Umso wichtiger ist die gründliche Aufarbeitung dieser Krise. Alexander Bogner, Soziologe und Autor der ÖAW-Coronastudie, zieht im Gespräch ein Fazit und erklärt, welche Gräben es nach wie vor gibt und wie man diese schließen könnte.
Alexander Bogner, Soziologe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), hat 2023 auf Initiative der Bundesregierung ein großangelegtes Projekt zur Aufarbeitung der Coronazeit durchgeführt. Die Ergebnisse können im öffentlich zugänglichen Studienbericht im ÖAW-Verlag nachgelesen werden. Zentrale Fragen dabei waren, wie sich das Vertrauen der Bevölkerung in Politik und Wissenschaft verändert hat. Aber auch, wie Wissenschaftler:innen in Zukunft besser auf ihre Rolle in der Politikberatung vorbereitet werden können.
Im Februar jährt sich der Ausbruch der Pandemie in Österreich zum fünften Mal. Im Gespräch zieht Bogner ein Fazit und erklärt, welche dieser Forderungen umgesetzt werden konnten und welche Punkte nach wie vor ungelöst sind. Und: Ob wir auf die nächste Pandemie besser vorbreitet sind.
Vertrauensverlust in Institutionen
In welchen Bereichen wirkt die Coronakrise nach wie vor fort?
Alexander Bogner: Corona hat zahlreiche Folgeschäden hinterlassen – und zwar nicht nur gesundheitliche. In ihrer akuten Phase hat die Pandemie eine Zeit der Sprachlosigkeit eingeleitet, die in gewisser Weise bis heute anhält. Der fehlende Wille zur umfänglichen Aufarbeitung der Krise ist ein Aspekt davon. Aber solange die Krise unzulänglich bearbeitet bleibt, wird sie uns als Problem erhalten bleiben. Die ÖAW-Coronastudie von 2023 hat den Verlust von Institutionenvertrauen als zentrales gesellschaftliches Problem benannt und Lehren für künftige Krisen aufgezeigt. Das hätte aber eigentlich nur ein Anfang sein müssen für weitere Forschung.
Warum stagniert diese?
Bogner: Viele Länder ringen mit der Art und Weise, wie die Pandemie verarbeitet werden soll. In Deutschland kommt man kaum vom Fleck. Man hat das Gefühl, dass dort der politische Wille fehlt. Es wurde ewig diskutiert, ob man eine Kommission, ein wissenschaftliches Projekt oder ein Bürgerbeteiligungsverfahren ins Leben rufen soll. In Österreich war man effizienter, indem man ein wissenschaftliches Projekt und parallel dazu ein großes Bürgerbeteiligungsverfahren durchgeführt hat. Insgesamt 320 Leute, die repräsentativ ausgewählt wurden, haben daran in ganz Österreich teilgenommen. In allen Landeshauptstädten wurde an jeweils fünf Tischen über die Erfahrungen in der Pandemie gesprochen. Es gab großen Redebedarf und natürlich auch sehr kontroverse Standpunkte. Niemand wurde dabei grundsätzlich bekehrt. Aber es gab zumindest den Willen zur Verständigung und den Versuch, auch andere Perspektiven und Sichtweisen wahr- und ernst zu nehmen. Und das war für viele Beteiligte dann letztlich eine sehr positive Erfahrung.
Impfdebatte hat Gesellschaft gespalten
Was sind nach wie vor offene Wunden?
Bogner: Natürlich spielt die Impfdebatte immer noch eine Rolle. Das hat auch damit zu tun, dass sich ab dem Frühsommer 2021 ein stark moralisierender Ton eingeschlichen hat. Man glaubte damals, mit dem Impfen die Patentlösung für die Überwindung der Pandemie, vielleicht sogar für die Eliminierung des Virus, gefunden zu haben. Wenn man von „den Ungeimpften“ sprach, hieß das, dass aus dem Impfstatus die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit einem feststehenden Set an Eigenschaften und Überzeugungen abgeleitet wurde. Die politische Rhetorik der Alternativlosigkeit, die nach dem Beschluss der Impfpflicht dominierte, hat letztlich jede Art von Kritik delegitimiert. Leute, die sich gegen eine alternativlose Maßnahme aussprachen, mussten als dumm oder verantwortungslos gelten.
Rechte Parteien instrumentalisieren Pandemie
Inwiefern wirkt diese Spaltung bis heute nach?
Bogner: Vielen geht diese Debatte immer noch nah. Das wurde auch bei den Bürgerdialogen deutlich. Das Unbehagen an den politischen Maßnahmen konnte sich zunächst nicht im öffentlichen Raum Luft verschaffen, sondern musste individuell verarbeitet werden. Damit staute sich im Laufe der Pandemie eine Wut auf, die sich bald auf das ganze „Establishment“, die Politiker:innen und Expert:innen, richtete. Dies wurde spätestens in den großen Demonstrationen ab Ende 2021 deutlich. Es gab dann nur wenig Raum zur Differenzierung; es regierten die Parolen, die Halbwahrheiten, das Freund/Feind-Denken, das zu einer gesellschaftlichen Überhitzung führte. Also ein Klima, von dem die Rechtspopulist:innen nach wie vor profitieren.
Rechte Parteien wie die AfD sprechen sich für einen schlanken Staat aus, der seinen Bürger:innen nichts vorschreiben darf.
Bogner: Auch die FPÖ nutzt das Narrativ von den Besserwissern „da oben“, die nicht die authentischen Anliegen des Volkes kennen und vertreten. Die FPÖ plädiert zwar für eine Aufarbeitung der Pandemie, meint aber die Fortsetzung des politischen Kampfs mit anderen Mitteln. Man will nicht Aufklärung betreiben, sondern Tribunale errichten. Jedoch sollten wir aus der Krise lernen, wie wir schneller bessere Daten bekommen, wie man Politikberatung besser organisieren kann, wie man politisch besser kommunizieren, wie man für Pluralismus auch in schwierigen Krisensituationen sorgen kann.
Klare Rollenverteilung von Politik und Wissenschaft wichtig
Was sollte man noch verbessern?
Bogner: Um Vertrauen zu schaffen, muss die Regierung in einer Krisensituation deutlich machen, dass sie sich wissenschaftlich informiert hat, aber auch willens ist, eine selbständige Entscheidung zu treffen und diese auch zu begründen. Wir haben in der Krise gelernt, dass es klare Verantwortlichkeiten und Rollenzuständigkeiten geben muss. Und da ist es ganz schlecht, wenn der Eindruck entsteht, die Virolog:innen würden die Regierung steuern. Oder andersherum: Die Regierung instrumentalisiert die Wissenschaft, um vorgefasste Meinungen öffentlich absegnen zu lassen.
Sind wir für die nächste Pandemie ausreichend vorbereitet?
Bogner: Das Krisensicherheitsgesetz, das im Sommer 2023 verabschiedet wurde, ist sicher ein erster wichtiger Schritt. Es ist der Versuch, mögliche zukünftige Krisen auch in ihrer Vernetztheit besser in den Blick zu bekommen. Außerdem geht es darum, die Prozesse der Politikberatung besser zu organisieren. Man kann ohnehin nicht genau sagen, was die nächste große Krise sein wird. Beziehungsweise: Wir leben wahrscheinlich schon mitten in ihr, wenn wir an die globale Erwärmung denken. Auch die Klimakrise ist in hohem Maße verwissenschaftlicht. Wir würden bestimmte Ereignisse wie das Abschmelzen der Polkappen gar nicht bemerken, wenn die Wissenschaft nicht nachmessen würde. Wir könnten die Gletscherschmelze auch nicht mit dem Klimawandel in Verbindung bringen, wenn uns die Wissenschaft nicht den Zusammenhang erklärt hätte. Die hochgradige Verwissenschaftlichung gegenwärtiger Krisen, die darum eben nicht mehr als Strafe Gottes oder als natürliches Schicksal erscheinen, führt dazu, dass die Wissenschaft auch in Zukunft im Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen stehen wird.
AUF EINEN BLICK
Alexander Bogner ist habilitierter Soziologe am Institut für technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Forschungsaufenthalte führten ihn nach Basel, München, Frankfurt/Main und die California State University in Sacramento. Seit 2019 ist er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS).