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Stress-Auslösern auf der Spur

Warum reagieren manche Menschen extrem auf Stress während andere widerstandsfähig bleiben? Nida Ali erforscht die verborgenen Mechanismen dahinter. Zuletzt bekam sie dafür an der ÖAW den L’Oréal-UNESCO „For Women in Science“-Preis.

Stress ist allgegenwärtig – und doch ein Rätsel. Warum wirft ein belastendes Ereignis manche Menschen völlig aus der Bahn, während andere erstaunlich stabil bleiben können? Diese Frage beschäftigt Nida Ali von der Universität Wien. Als Postdoktorandin untersucht sie, wie biologische Stresssysteme und psychologische Faktoren ineinandergreifen. Für ihre Forschung wurde sie kürzlich mit dem L’Oréal-UNESCO „For Women in Science“-Preis ausgezeichnet. In Österreich wird das Programm in Kooperation mit der österreichischen UNESCO-Kommission, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) ausgerichtet. Im Interview erklärt Nida Ali, wie Stress unseren Körper schützt, wann er gefährlich wird – und weshalb die Forschung erst am Anfang steht.

Frau Ali, Sie erforschen, wie Stress den Körper krank machen kann. Was kann man sich darunter vorstellen?
Nida Ali: Ich untersuche, wie Stress zu Krankheit führt – also welche biologischen und psychologischen Prozesse diese Verbindung herstellen. Stress hat oft einen schlechten Ruf, aber eigentlich ist er erst einmal nur eine adaptive Reaktion. Er ist die Reaktion unseres Körpers auf Herausforderungen und hilft dabei, uns vor Bedrohungen zu schützen. Problematisch wird Stress dann, wenn die Stresssysteme sehr lange aktiviert bleiben. Dann erschöpfen sie sich und der Körper beginnt, unter dieser Dauerbelastung zusammenzubrechen. Ich untersuche, wie die Biologie und die Psychologie bei Stressreaktionen zusammenwirken – und warum manche Menschen von Stress krank werden und andere nicht. Der psychologische Teil ist wichtig: Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben, aber ganz unterschiedlich darauf reagieren. Diese Unterschiede möchte ich verstehen.

Stress als Auslöser für Krankheiten

Wie sind Sie zu Ihrer Forschung gekommen?
Ali: Ich bin ausgebildete klinische Psychologin und habe mit Patient:innen gearbeitet. Mich hat schon immer die Frage der individuellen Unterschiede fasziniert: Warum sind manche Menschen viel anfälliger dafür, krank zu werden, während andere gesund bleiben? Mein wissenschaftlicher Hintergrund liegt in der Entwicklungspsychologie: Ich habe untersucht, wie Mütter mit ihren Säuglingen interagieren und wie sich das auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Daraus entstand die Frage, wie frühe Erfahrungen unsere Biologie langfristig formen. Und dann hat mich die Wechselwirkung zwischen biologischen Stresssystemen und Psychologie immer stärker interessiert. Der Grund, warum ich Stress erforsche, ist, dass Stress an unglaublich vielen Krankheiten beteiligt ist – und zwar nicht nur als Auslöser, sondern auch als Faktor, der Symptome verschlimmert. In gewisser Weise führen sehr viele Wege in der Psychologie und der Medizin über Stress. Genau deshalb ist es so wichtig, ihn zu verstehen.

Wie kommt man denn darauf, was Stress für Folgen hat? Und welche Faktoren bestimmen, wie jemand auf Stress reagiert?
Ali: Im Zentrum meiner Forschung steht das Enzym Alpha-Amylase, das im Speichel gemessen wird und sich wie eine Art Stress-Thermometer verhält: Es reagiert zuverlässig auf körperliche und emotionale Belastungen. Ich untersuche wie Faktoren wie Schlaf, Ernährung oder Bewegung die Werte verändern – und Stress objektiv messbar machen könnten. Ein Faktor, der zentral ist und jahrzehntelang übersehen wurde, ist zum Beispiel der Menstruationszyklus. Geschlechtshormone und Stresshormone beeinflussen sich gegenseitig sehr stark. Trotzdem hat die Wissenschaft lange die weibliche Bevölkerung praktisch ignoriert – einfach, weil der Zyklus die Forschung „komplizierter“ macht. Heute wissen wir: Verschiedene Zyklusphasen verändern, wie stark Stresshormone wie Cortisol ausgeschüttet werden und wie stark wir psychologisch auf Stress reagieren. Ein anderer wichtiger Faktor sind frühe Lebenserfahrungen. Sie hinterlassen Spuren im Körper, die bis ins Erwachsenenalter wirken. Manche Menschen sind aufgrund ihrer frühen Erfahrungen reagieren biologisch stärker oder schwächer auf Stress.

Was ist das Ziel Ihrer Forschung?
Ali: Die Schönheit der Wissenschaft ist ja, dass wir nie wirklich an „die“ endgültige Antwort kommen. Jede neue Erkenntnis führt zu neuen Fragen. Aber natürlich: Wenn meine Forschung dabei helfen kann, Mechanismen zu identifizieren, die das Risiko rund um Stress für Menschen reduzieren oder erhöhen, dann wäre das ein großer Schritt. Denn wenn wir jene Untergruppen von Personen erkennen, die besonders gefährdet sind, stressbedingte Erkrankungen zu entwickeln, dann können wir vielleicht eingreifen, bevor sie überhaupt krank werden.

Ist unser Gesundheitssystem vorbereitet, solche Erkenntnisse praktisch umzusetzen?
Ali: Ich glaube, Wissenschaft und Gesundheitssystem stehen beide noch am Anfang. Wir müssen die Mechanismen erst verstehen, bevor wir sie konkret anwenden können.
Was ich am österreichischen System sehr schätze, ist der präventive Ansatz – etwa regelmäßige Gesundheitschecks. Das zeigt, dass Prävention ernst genommen wird.
Aber es ist ein langer Weg. Ich hoffe aber, dass Forschung und Praxis dabei immer gut kommunizieren und sich miteinander weiterentwickeln.

Mehr Sichtbarkeit für Frauen

Vor Kurzem haben Sie den L’Oréal-UNESCO-Preis bekommen. Was bedeutet das für Sie?
Ali: Ich fühle mich sehr geehrt. Der Preis gibt mir das Gefühl, dass meine Arbeit wahrgenommen und wertgeschätzt wird und einen Unterschied machen kann. Die Anerkennung ist für mich als Forscherin am Anfang ihrer Karriere extrem wertvoll. Und es ist großartig, Teil eines Netzwerks so beeindruckender Wissenschaftlerinnen zu sein. Das ist sehr inspirierend.

Der Preis soll vor allem Frauen in der Wissenschaft sichtbar machen …
Ali: Das ist unglaublich wichtig. Ich befinde mich als weibliche Wissenschaftlerin genau in jener Karrierephase, in der viele Frauen die Wissenschaft verlassen – die berühmte „leaky pipeline“ (Anmerkung: „leaky pipeline“ spielt auf den Verlust von Frauen an verschiedenen Stufen der akademischen und beruflichen Karriere an). Bis zur Promotion sind die Wege klarer, aber der Übergang zur eigenen Forschungsgruppe ist schwierig und von starker Konkurrenz geprägt. Gleichzeitig müssen viele Frauen in dieser Zeit wichtige Entscheidungen in ihrem Privatleben treffen – und genau an dem Punkt beginnen viele Frauen, die Belastung, die Herausforderung – oder schlicht die Ungerechtigkeit der Situation – zu spüren. Das ist etwas, worüber ich sehr viel nachdenke. Und genau deshalb ist der L’Oréal-UNESCO-Preis „For Women in Science“ so bedeutsam für mich: Er rückt dieses Thema ins Licht, schafft Bewusstsein und – hoffentlich – auch neue Möglichkeiten, echte Veränderungen anzustoßen. Wenn ich in einer Position der Macht wäre, würde ich alles tun, um sicherzustellen, dass wir keine brillanten Köpfe verlieren, nur weil sie Frauen sind.

Auf einen Blick

Nida Ali, PhD, ist Psychologin und Postdoktorandin an der Universität Wien. Sie forscht zum Zusammenspiel biologischer und psychologischer Stressreaktionen und untersucht, weshalb manche Menschen unter chronischem Stress krank werden, während andere stabil bleiben. Für ihre Forschung wurde sie 2025 mit dem L’Oréal-UNESCO „For Women in Science“-Förderpreis ausgezeichnet.

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