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Cochrane Deutschland Stiftung: Fachkreise fordern Bundesregierung zur Weiterfinanzierung auf

Freiburg, 19.10.2026: In der Fachwelt stoßen die Pläne des Bundesgesundheitsministeriums (BMG), die Cochrane Deutschland Stiftung (CDS) ab 2028 nicht mehr zu fördern, auf Sorge und Kritik. Mehrere medizinische Fachgesellschaften, das Netzwerk Versorgungsforschung sowie der größte Physiotherapieverband Deutschlands fordern die Bundesregierung auf, Cochrane Deutschland auch über 2027 hinaus zu finanzieren. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) warnt angesichts des geplanten Förderstopps vor Qualitätseinbußen in der Gesundheitsversorgung. Das teilt die CDS anlässlich des morgigen Welttags der evidenzbasierten Gesundheitsversorgung mit.

Vor einigen Wochen hat das BMG der Cochrane Deutschland Stiftung mitgeteilt, die Förderung Ende 2027 einzustellen. Damit droht das Aus für die Arbeit der Stiftung. Als Grund nannte das Ministerium haushaltspolitische Vorgaben und veränderte Rahmenbedingungen. Es betonte zugleich, die Entscheidung sei nicht als Bewertung der Arbeit der CDS zu verstehen – und würdigte diese Arbeit als „wertvoll“ und „erfolgreich“.

In der „Göttinger Erklärung“ vom 8.10.2026 wenden sich vier Fachgesellschaften gemeinsam gegen die Entscheidung des BMG. Sie fordern die Bundespolitik in der Erklärung auf, die Förderung der CDS über das Jahr 2027 hinaus sicherzustellen und Cochrane Deutschland als unabhängigen Bestandteil der deutschen Infrastruktur für evidenzbasierte Gesundheitsversorgung langfristig abzusichern. Verfasst wurde die Erklärung von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), dem Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (EbM-Netzwerk), von der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS). „Die Unterzeichnenden erkennen ausdrücklich an, dass im Gesundheitswesen Prioritäten gesetzt und öffentliche Mittel wirtschaftlich eingesetzt werden müssen“, heißt es in der Erklärung. „Gerade deshalb erscheint es sinnvoll, Cochrane Deutschland als spezialisierte und unabhängige Infrastruktur zu fördern, um belastbare Grundlagen für eben diese Prioritätensetzung bereitzustellen. Die öffentliche Förderung von rund 1,3 Millionen Euro jährlich ist im Verhältnis zur Bedeutung von Cochrane Deutschland und zu den Gesamtausgaben des Gesundheitswesens außerordentlich gering.“ Nach den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts lagen die Gesamtausgaben des deutschen Gesundheitswesens im Jahr 2024 bei über 500 Milliarden Euro. „Wer evidenzbasierte Gesundheitsversorgung ernst nimmt, darf nicht ausgerechnet dort sparen, wo unabhängige wissenschaftliche Erkenntnisse für die Versorgung aufbereitet und zugänglich gemacht werden“, so DEGAM-Präsidentin Prof. Dr. Eva Hummers. „Die Förderung von Cochrane Deutschland ist keine freiwillige Zusatzleistung, auf die man angesichts angespannter Haushalte einfach verzichten kann. Sie ist eine Investition in die Qualität und Effizienz unserer Gesundheitsversorgung. Wir brauchen nicht weniger, sondern eher mehr Wissen darüber, was nachweislich wirkt und was den Menschen tatsächlich nutzt.“ Schon im Vorfeld der gemeinsamen Göttinger Erklärung hatte das EbM-Netzwerk in einer eigenen Stellungnahme gegen die Entscheidung des BMG protestiert und von einem „kritischen Signal zulasten der zentralen Werte und Prinzipien der EbM in der Gesundheitsversorgung in Deutschland“ gesprochen. Zudem schwäche das Auslaufen der Förderung die Stellung Deutschlands in der internationalen Cochrane Gemeinschaft.

In einer am 15.10.2026 veröffentlichten Stellungnahme appellieren auch das Deutsche Netzwerk Versorgungsforschung, die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie und die Deutsche Gesellschaft für Public Health gemeinsam an Bundesregierung, Bundesgesundheitsministerium und Bundestag, die Förderung der Cochrane Deutschland Stiftung über das Jahr 2027 hinaus zu sichern. „Unabhängige wissenschaftliche Evidenz ist die Grundlage einer hochwertigen medizinischen Versorgung – sie braucht eine dauerhafte Infrastruktur, die international vernetzt ist“, argumentieren die drei Organisationen. Politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger wie auch Angehörige aller Gesundheitsberufe benötigten Zugang zu vertrauenswürdiger Forschung und belastbarer Evidenz, heißt es in dem Papier weiter. „Denn Deutschland steht vor der Aufgabe, kluge Strukturveränderungen hin zu einer medizinischen Versorgung zu gestalten, die in erster Linie am Nutzen ausgerichtet ist. Der Stopp der BMG-Förderung widerspricht dabei der zentralen Empfehlung der Finanzkommission, Gesundheitsausgaben stärker an evidenzbasierte Kriterien zu binden.“

Auch Physio Deutschland, der nach eigenen Angaben größte Physiotherapieverband hierzulande, sieht das angekündigte Förder-Ende mit Sorge: „Das ist ein verheerendes Signal für eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung“, kritisiert Vorstandsmitglied Alexander Stirner. „Gerade in Zeiten von Desinformation, vor allem in den Sozialen Medien, brauchen Patient:innen und Gesundheitsfachkräfte unabhängige und verlässliche wissenschaftliche Informationen. Auch für uns in der Physiotherapie ist entscheidend, dass aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung in der Praxis ankommen. Deshalb brauchen wir Strukturen, die diesen Wissenstransfer dauerhaft ermöglichen.“ Der Verband appelliert darum in einer Stellungnahme vom 5.10.2026 an die Bundes- und Landespolitik, eine langfristig tragfähige Finanzierung von Cochrane Deutschland zu sichern, damit der Wissenstransfer von unabhängiger Evidenz in die Versorgung auch nach 2027 verlässlich gewährleistet bleibe.

In einem Schreiben an das Bundesgesundheitsministerium vom 25.9.2026 hat die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften ihre „ausdrückliche und nachdrückliche Unterstützung“ für Cochrane Deutschland ausgesprochen. In einer Pressemitteilung vom 14.10. fordert die AWMF eine nachhaltige Finanzierung von Cochrane Deutschland und die bundesweite Förderung evidenzbasierter medizinischer Entscheidungshilfen. Sie warnt darin, dass weitere Kürzungen im Bereich der wissenschaftlichen Medizin die Versorgungsqualität für Patient:innen verschlechtern könnten. „Wenn die Finanzierung der nationalen Cochrane-Struktur nicht verstetigt wird, sind Qualitätseinbußen bei der Gesundheitsversorgung unvermeidlich“, so Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede, Präsident der AWMF.

„In den vergangenen Tagen haben nicht nur verschiedene Institutionen ihre Wertschätzung und Solidarität gegenüber der Cochrane Deutschland Stiftung bekundet, sondern auch viele Einzelpersonen aus sehr unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens“, sagt Prof. Dr. Jörg Meerpohl, Wissenschaftlicher Vorstand der CDS. „Wir freuen uns über diesen breiten Rückhalt und sind für jede einzelne positive Rückmeldung sehr dankbar. Denn sie zeigen die gesellschaftliche Relevanz unserer Arbeit: Das, was wir tun, kommt bei den Menschen an, für die es gedacht ist – und es hilft ihnen im Berufsalltag oder Privatleben. Ihr Zuspruch ist für uns Ermutigung und Ansporn zugleich, eine tragfähige Anschlussfinanzierung zu finden und unsere Arbeit auch über 2027 hinaus fortzuführen.“

Transparenzhinweis: Die Cochrane Deutschland Stiftung ist Fördermitglied des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin.

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Zum Hintergrund: Über die Cochrane Deutschland Stiftung und Cochrane Reviews

Die Cochrane Deutschland Stiftung mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Cochrane Collaboration. Dieses Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler:innen erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu verschiedensten medizinischen und gesundheitlichen Fragen – die so genannten Cochrane Reviews. Darin fassen die Forschenden die weltweite Studienlage transparent zusammen und bewerten deren Qualität. Ziel ist es, dadurch eine evidenzbasierte, verlässliche Grundlage für medizinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Seit seiner Gründung 1993 hat das Netzwerk bereits mehr als 9.000 Cochrane Reviews veröffentlicht.
Eine der vielen Tätigkeiten der Cochrane Deutschland Stiftung ist es, besonders relevante Reviews aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen und sie so der Öffentlichkeit hierzulande leichter zugänglich zu machen. Außerdem schult sie Fachleute aus dem Gesundheitswesen darin, Forschungsergebnisse zu verstehen, kritisch einzuordnen und zu nutzen oder hochwertige Evidenzsynthesen selbstständig anzufertigen. Rund 2300 Teilnehmer:innen haben seit 2017 die Workshops, Seminare und Tagungen der Stiftung besucht. Gemeinsam mit anderen führenden Experten aus aller Welt entwickeln Mitarbeiter:innen der Cochrane Deutschland Stiftung die Methoden für Evidenzsynthese weiter – z.B. zum verantwortungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Erstellen von systematischen Übersichtsarbeiten.

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