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Welche Quellen nutzt die KI ?

Bei mehr als acht von zehn Gesundheitsfragen zeigt Google inzwischen eine KI-Übersicht. Eine Auswertung von über 465.000 Quellenverweisen verrät, woher dieses Wissen stammt. Fachjournale werden darin kaum direkt zitiert. Für wissenschaftliche Portale ist das eine schlechte Nachricht und eine Chance zugleich.

Von Detlef Ostfeld

Es ist spät am Abend, als jemand einen Satz ins Handy tippt, den er in der Sprechstunde so nie sagen würde: „Beim Treppensteigen habe ich ein Stechen in der Brust. Ist das gefährlich?“ Google antwortet ohne Umweg. Oben steht ein fertiger Absatz, gegliedert, ruhig im Ton, darunter ein kleiner Stapel Quellen. Öffnen muss man nichts mehr.

Wie viele Menschen diese Quellen anklicken, verrät Google nicht. Dabei entscheidet dieser Stapel mit, was am nächsten Morgen in der Praxis oder am HV-Tisch erzählt wird.

Die Frage mit dem Treppensteigen stammt aus einer Untersuchung des Softwareanbieters SE Ranking. Im Dezember 2025 haben dessen Analysten 50.807 deutschsprachige Gesundheitsfragen an Google und ChatGPT gestellt. Bei 86 Prozent davon blendete Google eine KI-Übersicht ein. Schon eine frühere Erhebung des Anbieters vom Mai 2025 hatte gezeigt, dass solche Übersichten bei Gesundheit häufiger erscheinen als bei Reisen, Finanzen oder Technik. Insgesamt verwiesen die Übersichten aus der Dezember-Erhebung 465.823-mal auf externe Seiten.

Die Rangliste liest sich wie ein Fernsehprogramm. Platz eins: YouTube, mit 20.621 Verweisen. Platz zwei: der NDR. Erst auf Platz drei folgt mit den MSD Manuals ein medizinisches Nachschlagewerk, danach NetDoktor, ein Stellenportal für Ärzte namens PraktischArzt und die Deutsche Herzstiftung. Das Portal des IQWiG, gesundheitsinformation.de, landet auf Platz neun.

Dann kommt die Zahl, bei der Wissenschaftler aufhorchen sollten. Fachpublikationen und medizinische Journale machen 0,48 Prozent aller Verweise aus, 2.226 von 465.823. Staatliche Stellen, deutsche und internationale zusammengenommen, kommen auf weniger als ein Prozent. YouTube allein erreicht 4,4.

Die Evidenz existiert. Direkt zitiert wird sie kaum.

Wie weit diese Antworten gehen, zeigt ein anderes Beispiel aus der Studie. Wer wissen will, was gegen eine Lungenentzündung hilft, bekommt von Google Antibiotika genannt, mit Amoxicillin sogar einen konkreten Wirkstoff, dazu Paracetamol und Ibuprofen gegen das Fieber. Der Hinweis, dass ärztlich abgeklärt werden muss, erscheint erst, wenn man die Antwort aufklappt. Bei anderen Fragen zeigte sich, dass schon ein Neuladen der Seite Aufbau und Gewichtung der Antwort verändert.

ChatGPT hält sich bei Wirkstoffen zurück, bei der Herkunft seines Wissens allerdings noch mehr. Nur in 0,25 Prozent der Gesundheitsantworten nannte das System überhaupt eine Quelle. Wenn es das tat, stand Reddit vorn, mit 45 Verweisen, vor den National Institutes of Health mit 31. Die Datenbasis ist dünn, das räumen die Autoren selbst ein. Unbequem bleibt das Muster trotzdem.

Man könnte das als Problem der Laien abtun. Die Zahlen sprechen dagegen. Laut einer repräsentativen Bitkom-Befragung vom November 2025 wenden sich 45 Prozent der Deutschen mit Symptomen oder allgemeinen Gesundheitsfragen an KI-Chatbots. 16 Prozent haben schon einmal eine ärztliche Empfehlung nicht befolgt und eher dem Chatbot vertraut. Gleichzeitig vertrauen laut Stada Health Report 76 Prozent der Deutschen ihrem Hausarzt und 63 Prozent ihrer Apotheke, der KI dagegen nur 15 Prozent.

Die Menschen glauben der Maschine wenig. Sie fragen sie trotzdem.

Allerdings wäre es zu einfach, YouTube pauschal zum Hort der Halbwahrheit zu erklären. Die Analysten haben sich die 25 am häufigsten zitierten Videos angesehen. 24 davon stammen von Kanälen mit medizinischem Hintergrund. Die Stichprobe ist klein, sie umfasst weniger als ein Prozent aller zitierten Videos. Sie deutet aber an, dass die KI nicht wahllos zugreift. Ich vermute, dass in der Antwort bevorzugt landet, was verständlich ist und erkennbar einem Menschen gehört, am liebsten mit Gesicht und Stimme.

Ein zweiter Befund verschiebt den Blick. Auf der Ebene der Websites decken sich KI-Übersichten und klassische Suche weitgehend: Neun der zehn meistzitierten Domains gehören auch zu den zehn sichtbarsten in den normalen Suchergebnissen. Bei den einzelnen Seiten sieht es anders aus. Nur 36 Prozent der Adressen, die Google in seinen KI-Antworten zitiert, stehen bei derselben Frage auch auf der ersten Ergebnisseite. Die Apotheken Umschau erscheint 7.357-mal unter den ersten zehn klassischen Suchtreffern, in den KI-Übersichten aber nur 3.605-mal, Platz 13. Wer bei Google stark ist, bleibt im Spiel. Welche seiner Seiten zitiert wird, ist damit noch nicht entschieden.

Was heißt das für wissenschaftliche Portale? Meine Einschätzung, gestützt auf die Messungen, die wir bei Gesundheitsmarken durchführen: Zwischen Journal und Antwort klafft eine Übersetzungslücke. Ein englisches Abstract hinter einer Bezahlschranke, mit Konfidenzintervallen im ersten Satz, wird selten zur Grundlage einer deutschsprachigen Antwort. Gut drei Viertel aller Verweise in der Studie, 75,66 Prozent, führen auf deutschsprachige Websites. Eine sauber aufbereitete deutsche Zusammenfassung mit Studiendesign, Fallzahl, Ergebnis und Grenzen hat deshalb eine Chance. Vorausgesetzt, man sieht, wer sie geschrieben hat.

Daraus folgen ein paar handfeste Dinge. Namen an jeden Text, mit Qualifikation und Prüfdatum. Eine Fach- und eine Laienfassung derselben Studie, die einander nicht widersprechen. Gesponserte Inhalte klar gekennzeichnet, weil Leser bei Gesundheitsthemen misstrauisch werden, sobald Redaktion und Werbung nicht mehr zu unterscheiden sind. Kurze Videos, in denen ein Mensch eine Studie erklärt, denn in den KI-Übersichten taucht YouTube fast viermal so oft auf wie in den klassischen Top-Ergebnissen. Und einmal im Quartal ein ehrlicher Test: dieselben 50 Fragen aus dem eigenen Fachgebiet stellen und zählen, wer genannt wird.

Eine Garantie gibt es dafür nicht. Wie die Gewichtung im Detail entsteht, weiß außerhalb von Google und OpenAI niemand, und die Studie ist eine einmalige Erhebung eines Anbieters, der selbst Software für Suchmaschinenoptimierung verkauft. Bei meiner Einschätzung bleibe ich trotzdem. Wer heute deutschsprachige Evidenz verlässlich aufbereitet, hat einen Vorsprung, den andere erst mühsam aufbauen müssen.

Und der Mensch mit dem Stechen in der Brust? Er wird wieder fragen, vielleicht zuerst die KI und dann den Arzt. Welche Studie ihm dabei begegnet, hängt an denen, die Evidenz so aufschreiben, dass eine Maschine sie findet und ein Mensch sie versteht.

Detlef Ostfeld ist Investor bei WSC We Social Commerce, einer Strategieberatung für KI-Sichtbarkeit im Gesundheitsmarkt. Kontakt: d.ostfeld@we-social-commerce.de

Quellen