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CAR-T-Zellen drücken die Reset-Taste gegen fehlgesteuerte B-Zellen
Patientin mit drei Autoimmunerkrankungen am Uniklinikum Erlangen erfolgreich mit einer CAR-T-Zell-Therapie behandelt
Drei Autoimmunerkrankungen, neun erfolglose Therapieversuche, elf Jahre Leidensweg: Als Kerstin F. im Frühjahr 2025 mit dem Hubschrauber ans Uniklinikum Erlangen gebracht wurde, war sie dem Tod näher als dem Leben. Doch den Expertinnen und Experten der Medizinischen Klinik 5 – Hämatologie und Internistische Onkologie gelang es, die Patientin mithilfe einer CD19-CAR-T-Zell-Therapie erfolgreich zu behandeln. Heute ist die 47-jährige Mutter von zwei Kindern weitestgehend beschwerdefrei. Der Fall wurde Anfang April 2026 in „Med“, einer Fachzeitschrift im Wissenschaftsverlag „Cell Press“, publiziert.
„Als uns die Kolleginnen und Kollegen des Universitätsklinikums Dresden anriefen, war der Zustand der Patientin sehr schlecht“, erinnert sich Prof. Dr. Fabian Müller, Leiter der CAR-T-Zell-Einheit der Medizinischen Klinik 5 des Uniklinikums Erlangen. „Die Patientin hatte eine hochaktive Hämolyse, soll heißen: Ihre roten Blutkörperchen wurden immunologisch zerstört, und sie benötigte tägliche Bluttransfusionen, um zu überleben. Als sie bei uns eintraf, war sie schon seit Wochen in sehr schlechter körperlicher Verfassung und lag die meiste Zeit erschöpft im Bett.“ Kerstin F. galt als austherapiert. Das heißt, alle denkbaren Behandlungsoptionen waren bereits und teils mehrfach ausgeschöpft. „Wir waren gleich überzeugt davon, dass die Patientin für eine CAR-T-Zell-Therapie infrage kommt“, sagt Prof. Müller. „Wir hatten diese Therapieoption bereits bei anderen Patientinnen und Patienten mit Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Dass der Erfolg in diesem Fall allerdings so rasch und so umfassend einsetzen würde, war dann auch für uns überraschend.“
Außergewöhnliches Krankheitsbild
Denn Kerstin F. litt an gleich drei teils seltenen Autoimmunerkrankungen. Bereits 2014 war bei der Brandenburgerin eine autoimmunhämolytische Anämie diagnostiziert worden: Die Antikörper ihres Immunsystems richteten sich fälschlicherweise gegen die Erythrozyten, also die roten Blutkörperchen. „Es begann mit Schmerzen in den Fußknöcheln, Knien und Handgelenken“, berichtet Kerstin F. über ihre allerersten Symptome. „Es fühlte sich an, als ob Glasscherben an meinen Knochen rieben. Oft war es so schlimm, dass mir mein Leben nicht mehr lebenswert erschien.“ Nach der Geburt ihres zweiten Kindes verschlechterte sich Kerstin F.s Gesundheitszustand dramatisch. Im Jahr 2015 wurde bei ihr zusätzlich das sogenannte Antiphospholipid-Syndrom festgestellt: eine Autoimmunerkrankung, die zu erhöhter Blutgerinnung und zu Thrombosen führt. Damit nicht genug, kam 2019 noch die Diagnose Immunthrombozytopenie hinzu: eine Autoimmunerkrankung, bei der Blutplättchen vom eigenen Immunsystem angegriffen und abgebaut werden, sodass Betroffene stark zu Blutungen neigen. „Diese Kombination ist schon sehr außergewöhnlich“, weiß Dr. Isabel Korte, Ärztin der Medizinischen Klinik 5 und Erstautorin der jetzt erschienenen Publikation. „Alle drei Autoimmunerkrankungen werden allerdings von fehlgesteuerten B-Zellen angetrieben. Das ist eine Untergruppe der Abwehrzellen, also der sogenannten weißen Blutkörperchen, die eine entscheidende Rolle bei der Produktion von Antikörpern spielen. Damit hatten wir den gemeinsamen Nenner aller drei Krankheiten und einen eindeutigen Angriffspunkt für unsere Therapie.“
Doch bis dahin war es ein langer Weg. Seit 2014 war Kerstin F. Patientin unterschiedlicher Ärztinnen und Ärzte und wurde in mehreren Krankenhäusern behandelt. „Keine Therapie ließ mich gesund werden, es waren eher lebenserhaltende Maßnahmen“, erinnert sich die Brandenburgerin, „beziehungsweise Maßnahmen, die meinen Körper letztlich noch mehr schwächten und schädigten.“ Insgesamt neun Therapieversuche mit unterschiedlichen Medikamenten wurden unternommen, um ihre fehlgesteuerten B-Zellen bzw. Antikörper zu stoppen. „Ich habe auch selbst viel recherchiert, viel gelesen, meine eigenen Bewältigungsstrategien entwickelt“, sagt die heute 47-Jährige. „Diesen langen Leidensweg wünsche ich keinem Menschen, deswegen erzähle ich davon. In der Hoffnung, dass meine Geschichte anderen Betroffenen hilft und sie schneller zur passenden Behandlung führt.“
Die CAR-T-Zell-Therapie am Uniklinikum Erlangen war tatsächlich die letzte Option für die schwer kranke Patientin und die Rettung erfolgte in letzter Minute, wie Kerstin F. heute berichtet: „Der Dresdner Arzt stand an meinem Bett und sagte: ‚Frau F., eigentlich sind Sie transportunfähig, aber wollen Sie den Weg nach Erlangen wagen? Sie sterben sonst hier.‘ – Ich hatte somit die Wahl, zu sterben oder einen letzten Versuch zu unternehmen, am Leben zu bleiben. Also habe ich genickt und damit der Aufnahme und der Behandlung in Erlangen zugestimmt.“
Herstellung von CAR-T-Zellen in eigenen Reinräumen
Noch am Tag ihrer Ankunft begann das Team des Uniklinikums Erlangen mit den Untersuchungen. Für die eigentliche Therapie wurden der Patientin T-Lymphozyten entnommen und diese im Labor mithilfe eines genetischen Tricks so modifiziert, dass sie die B-Zellen als Ziel erkennen und zerstören. „An den CAR-T-Zellen forschen wir schon seit vielen Jahren und setzen sie in der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Leukämien, Lymphomen und neuerdings auch Autoimmunerkrankungen erfolgreich ein“, erläutert Prof. Dr. Andreas Mackensen, Direktor der Medizinischen Klinik 5 des Uniklinikums Erlangen. „Wir sind eines von deutschlandweit nur rund zehn Zentren, die CAR-T-Zellen in eigenen Reinräumen selbst herstellen können. Deswegen wurde die Patientin auch aus Sachsen zu uns überwiesen.“
So statteten die Erlanger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die T-Zellen von Kerstin F. im Labor mit einem chimären Antigen-Rezeptor (CAR) aus. Mit seiner Hilfe sollten sie die CD19-Merkmale auf der Oberfläche der B-Zellen erkennen, diese so eindeutig identifizieren und ausschalten. Und tatsächlich: „Nur sieben Tage nach der Übertragung benötigte Frau F. keine Bluttransfusionen mehr und nach 25 Tagen hatte sie erstmals wieder einen normalen Hämoglobin-Wert. Die Erythrozyten wurden nicht mehr angegriffen und überlebten wieder so wie bei einem gesunden Menschen“, erläutert Dr. Korte und Prof. Müller ergänzt: „Unsere Therapie führte quasi einen Reset durch: Die CAR-T-Zellen schalteten alle B-Zellen im gesamten Körper aus, also nicht nur die fehlgesteuerten B-Zellen. So wurden keine Autoantikörper mehr produziert, die sich gegen den eigenen Körper richten. Vermutlich weil die Fehlsteuerung der B-Zellen aufgehoben wird, entwickeln sich die bald wiederkehrenden B-Zellen dann ganz normal. Und das hält bis heute an.“ Von Heilung möchte der Erlanger Experte nicht sprechen, das sei heute noch zu früh; „aber es ist schon bemerkenswert, dass die Patientin mit drei vermeintlich unheilbaren Autoimmunerkrankungen aktuell keinerlei Therapie mehr benötigt und dass es ihr gut geht.“
Bereits nach zehn Tagen konnte Kerstin F. das Uniklinikum Erlangen verlassen und zu ihrer Familie zurückkehren: Die lange schmerzhafte Zeit der Trennung war vorüber. Heute – 14 Monate nach der erfolgreichen CD19-CAR-T-Zell-Therapie – kann Kerstin F. ihrem Familienalltag wieder weitestgehend nachgehen. „Mein Körper ist geschunden und ausgelaugt von den elf Jahren schwerster Krankheit, aber ich freue mich über alles, was ich kann“, sagt sie. „Ich habe gelernt, geduldig zu sein und dass mein Rhythmus nun ein anderer ist als vor den Erkrankungen.“ Kerstin F. muss aktuell noch regelmäßig zur Nachsorge bei ihrer behandelnden Onkologin vor Ort und alle sechs Monate zu Kontrolluntersuchungen nach Erlangen. „Ich traue mich noch nicht so ganz, mich zu freuen“, gibt die Brandenburgerin zu. „Die langen Krankheitsjahre und die unterschiedlichen Behandlungen haben Spuren hinterlassen. Aber ich bin äußerst dankbar. Den Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzten, die mich kompetent, aber vor allem menschlich und herzlich begleitet haben. Und meinem privaten Umfeld, das an mich geglaubt hat, mich besucht und unterstützt und mich vor allem nie aufgegeben hat.“
Link zur Original-Publikation:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666634026000784