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Nikotin-Prävention: Schulprojekt überzeugt im Alltag

Positive Resonanz und erfolgreiche Zwischenbilanz des Charité-Programms

Süße Aromen, bunte Verpackungen und der vermeintlich harmlose Dampf: Aromatisierte E-Zigaretten, sogenannte Vapes, machen den Nikotinkonsum unter Kindern und Jugendlichen wieder attraktiv – und stellen die Suchtprävention vor neue Herausforderungen. Ein an der Charité – Universitätsmedizin Berlin entwickeltes Programm zeigt nun, wie gezielte Prävention im Schulalltag funktionieren kann. In einer begleitenden Studie, die im Fachmagazin Nature: Scientific Reports* veröffentlicht wurde, beurteilten Kinder und Lehrkräfte das Schulprogramm als sehr positiv und als gut im Schulalltag durchführbar.

„20 Jahre lang war Nikotinprävention bei Kindern und Jugendlichen eine Erfolgsgeschichte. Doch nun beobachten wir, dass die langjährigen Erfolge durch Einweg-E-Zigaretten ausgebremst werden“, erklärt Marina Hinßen, Erstautorin der Studie. „Selbst Kinder, die vorher nie geraucht haben, greifen jetzt zur E-Zigarette.“

Denn die süßen Aromen wie Blaubeere, Vanille oder Cola sprechen gerade Kinder an. Die Folgen sind gravierend: Nikotin zählt zu den stärksten Suchtmitteln und schädigt bei jungen Konsument:innen nachhaltig die Gehirnentwicklung. Zudem belastet der Dampf Lunge, Herz und Blutgefäße. Chronische Atemwegserkrankungen, Herzinfarkte und Schlaganfälle können die gesundheitlichen Folgen sein.

Gemeinsam lernen, „Nein“ zu sagen

Doch das Problem liegt tiefer: Viele Kinder wissen schlicht nicht um die bereits bekannten Risiken und Schäden durch E-Zigaretten und Nikotinabhängigkeit. „In unseren Gesprächen mit 10- bis 13-Jährigen wurde klar: Vaping ist für sie allgegenwärtig – aber die Risiken sind oft unbekannt“, so Marina Hinßen. Die Studie zeigt: Prävention muss früher ansetzen als gedacht – spätestens ab der fünften Klasse, das heißt, im Alter von 10 Jahren. Gleichzeitig fehlt es vielen Schulen an Ressourcen und Zeit, um eigene Präventionsarbeit zu leisten.

Hier setzt das Schulprogramm „nachvorn“ an, das das Forschungsteam der Charité gemeinsam mit Schüler:innen, Lehrkräften sowie Expert:innen aus Gesundheitswesen, Psychologie und Pädagogik mit finanzieller Unterstützung durch die Deutsche Herzstiftung entwickelt hat. Es zielt darauf ab, Kinder zu erreichen, bevor sie zu Nikotinprodukten greifen. Drei interaktive Workshops bilden das Herzstück des Programms. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Aufklärung über gesundheitliche Risiken, sondern auch die Stärkung von Lebenskompetenzen zu Stressbewältigung, kritischem Denken und Widerstandsfähigkeit gegen Gruppendruck. Praktische Übungen, etwa Experimente und Rollenspiele, in denen die Kinder lernen, „Nein“ zu sagen, machen die Inhalte erlebbar.

Gut umsetzbare Präventionsprogramme für jede Schule

Wie die wissenschaftliche Auswertung des Programms zeigt, ist die Resonanz durchweg positiv. Sowohl Lehrkräften als auch Schüler:innen gefällt das Programm sehr gut, und sie würden es anderen Schulen weiterempfehlen. Die Studie zeigte deutlich, dass das Programm praktisch umsetzbar und für den Schulalltag an verschiedenen Schulformen geeignet ist.

Besonders wichtig: Die Intervention ist auch an Schulen mit begrenzten personellen oder finanziellen Mitteln durchführbar. Aktuell wird das Programm zu einer digitalen Plattform weiterentwickelt, die Schulen zwei Wege bietet: eine Variante mit einfach durchzuführenden videobasierten Modulen und eine interaktivere Variante, die Lehrkräfte stärker gestalten können. „Unser Ziel ist, dass jede Schule – unabhängig von ihren Ressourcen – Zugang zu wirksamer Prävention hat“, betont Prof. Gertraud Stadler, die die Studie und den Arbeitsbereich Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité leitet.

Denn Präventionsbedarf gibt es an fast allen Schulen. Als die Studie 2022 aufgesetzt wurde, hatten die Forschenden noch erwartet, dass der Bedarf für Prävention insbesondere an strukturell belasteten Schulen groß ist. Dort ist Studien zufolge die Zahl der Raucher:innen unter Jugendlichen traditionell höher. Doch seit Einweg-E-Zigaretten auf dem Markt sind, hat sich das Problem ausgeweitet, über alle Schulformen und Stadtteile hinweg. Die Plattform „nachvorn“ will Nikotinprävention deshalb allen Schulen zugänglich machen, unabhängig von der Schulform oder Wohngegend.

Weitere Studie zur Langzeitwirkung geplant

Eine groß angelegte Cluster-Studie mit 1.500 Berliner Schülerinnen und Schülern soll nun die Langzeitwirkung des Programms belegen. Es handelt sich dabei um die europaweit erste kontrollierte Studie zur E-Zigarettenprävention an Schulen. „Wir haben ein Tool entwickelt, das unmittelbar bei Kindern, Lehrkräften und Schulen ankommt“, fasst Marina Hinßen zusammen. „Jetzt geht es darum, es flächendeckend einzusetzen und zu testen, damit wir noch mehr Kinder und Jugendliche erreichen.“

Doch Aufklärung allein reicht den Forschenden nicht. Sie fordern auch strukturelle Veränderungen, von einer besseren Einhaltung des Jugendschutzes bis hin zu einem Verbot gesundheitsschädlicher Aromastoffe, die E-Zigaretten besonders attraktiv für Kinder und Jugendliche machen: „Süße Geschmacksrichtungen werfen uns in der Suchtprävention um Jahre zurück“, warnt Gertraud Stadler. „Ein Verbot dieser Aromen wäre ein wichtiger Schritt, um Kinder besser zu schützen.“

*Hinssen M et al. Development of a school program for vaping and smoking prevention and protocol for a cluster randomized controlled trial in fifth grade students. Nat Sci Rep 2026 May 7. Doi: 10.1038/s41598-026-45720-w

Links:

Link zur Originalpublikation in Nature: Scientific Reports
Pressemitteilung zur Vorstellung des Projekts vom 17.01.2024
Webseite der Einrichtung Geschlechterforschung in der Medizin
Webseite des Präventionsprojektes nachvorn