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Klartext Frauenherzen
Warum Herzmedizin Frauen anders in den Blick nehmen muss
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen – dennoch orientieren sich viele diagnostische und therapeutische Standards bis heute überwiegend am männlichen Patienten. Gleichzeitig zeigen Studien seit Jahren: Frauen erkranken oft anders, entwickeln andere Symptome und haben andere Risikofaktoren als Männer. Das kann schwerwiegende Folgen haben – bis hin zu schlechteren Überlebenschancen bei schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Anlässlich des Internationalen Tags der Frauengesundheit am 28. Mai startet das Deutsche Herzzentrum der Charité (DHZC) deshalb die Initiative „Klartext Frauenherzen“. Ziel ist es, über geschlechterspezifische Unterschiede in der Herzmedizin aufzuklären und das interdisziplinäre Behandlungsangebot für Patientinnen sichtbarer zu machen.
Am DHZC und an der Charité bestehen dafür spezialisierte interdisziplinäre Angebote – unter anderem für Frauen mit Risikoschwangerschaften, Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie, geschlechterspezifischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nach überstandenen Krebserkrankungen.
Drei Beispiele für die Relevanz dieses Themas:
- Das Risiko für Frauen unter 60 Jahren, an einem schweren Herzinfarkt zu versterben, ist höher als für Männer derselben Altersgruppe. Der Hintergrund: Frauen haben bei Herzinfarkten häufig andere Beschwerden als Männer. Dennoch gelten die bei Männern häufiger auftretenden Symptome oft weiterhin als „typisch“, während Beschwerden bei Frauen eher als „atypisch“ beschrieben werden. So verlieren viele Patientinnen wertvolle Zeit bis zur Diagnose und Behandlung.
- Frauen werden bei einem Herzstillstand in der Öffentlichkeit seltener reanimiert als Männer – oft aufgrund von Unsicherheiten, falschen Annahmen oder weil Symptome falsch gedeutet werden.
- Viele Frauen überleben Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs oder andere gynäkologische Tumorerkrankungen heute über viele Jahre. Gleichzeitig können bestimmte Krebstherapien – ebenso wie gemeinsame Risikofaktoren von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen – das spätere Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
„Frauen sind keine weiblichen Männer: Sie erkranken anders, zeigen andere Symptome, haben andere Risikoprofile und durchlaufen mit Schwangerschaft und Menopause Lebensphasen, die sich besonders auf das Herz-Kreislauf-System auswirken können“, sagt Dr. Julia Lueg, Fachärztin für Kardiologie an der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Charité Mitte.
Geschlechterspezifische Herzmedizin soll deshalb stärker interdisziplinär gedacht werden: Die DHZC-Kardiolog:innen arbeiten mit der Gynäkologie, Geburtsmedizin, Onkologie, Nephrologie und weiteren Fachbereichen der Charité eng zusammen, um Risiken früher zu erkennen und Patientinnen individueller zu behandeln.
Schwangerschaft und Menopause können das Herz fordern
Bestimmte Komplikationen in der Schwangerschaft wie Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes oder -bluthochdruck gelten heute als wichtige Hinweise auf ein dauerhaft erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die aktuellen Leitlinien empfehlen deswegen eine langfristige Versorgung der Patientinnen, für die jedoch häufig die notwendige Infrastruktur fehlt.
Patientinnen mit erhöhtem Risiko werden am DHZC und an der Charité daher interdisziplinär vor, während und nach der Geburt betreut.
„Unser Ziel ist, Risiken frühzeitig zu erkennen, Komplikationen zu vermeiden und die Herzgesundheit der Patientinnen langfristig zu schützen“, erklärt PD Dr. Kun Zhang, Oberärztin und Leitung der Ambulanz an der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Virchow-Klinikum.
Auch die Menopause verändert das kardiovaskuläre Risikoprofil deutlich. Sinkende Östrogenspiegel beeinflussen Gefäße, Stoffwechsel und Blutdruck und erhöhen so ebenfalls das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mehr als jede zweite Frau entwickelt beispielsweise in den ersten Jahren nach der Menopause einen Bluthochdruck.
Kardioonkologie: Herzgesundheit nach Krebs mitdenken
Wie wichtig eine interdisziplinäre Betreuung ist, zeigt sich besonders in der Kardioonkologie: Viele Frauen überleben Brustkrebs oder andere gynäkologische Tumorerkrankungen heute über viele Jahre. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei diesen Patientinnen langfristig zu einer entscheidenden Gesundheitsgefahr werden können – teilweise mit gravierenderen Folgen als die ursprüngliche Krebserkrankung selbst.
„Kardiovaskuläre Langzeitfolgen sind kein isoliertes Problem einzelner Tumorentitäten, sondern betreffen Frauen mit nahezu allen Krebserkrankungen“, erklärt PD Dr. Hannah Woopen, Leiterin der Arbeitsgruppe Cancer Survivorship der Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie an der Charité, Campus Virchow-Klinikum.
Herzgesundheit endet deshalb nicht mit einer erfolgreichen Tumorbehandlung. Vielmehr benötigen viele Patientinnen eine langfristige kardiologische Begleitung und Prävention.
„Die Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie, Onkologie, Kardiologie und weiteren Fachbereichen ist entscheidend, um Patientinnen ganzheitlich zu begleiten und gezielt zu behandeln. Nur ein Organ isoliert zu betrachten, reicht dafür nicht aus“, betont Prof. Dr. Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie an der Charité, Campus Virchow-Klinikum.
Das interdisziplinäre Angebot des DHZC und der Charité umfasst spezialisierte Beratung, moderne Diagnostik und individuell abgestimmte Therapiekonzepte. Darüber hinaus forschen Wissenschaftler:innen des DHZC und der Charité zu geschlechterspezifischen Unterschieden in der Herzmedizin.
„Geschlechterspezifische Herzmedizin ist kein Nischenthema, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Präzisionsmedizin. Unser Ziel ist eine Versorgung, die individuell, wissenschaftlich fundiert und interdisziplinär gedacht ist – für jede Patientin und jeden Patienten“, sagt Prof. Dr. Ingo Hilgendorf, Direktor der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Virchow-Klinikum.
Mit der Kommunikationsinitiative „Klartext Frauenherzen“ möchten DHZC und Charité wissenschaftlich fundierte Informationen verständlich aufbereiten und für mehr Aufmerksamkeit für das Thema sorgen.
Patientengeschichte: Schwangerschaft trotz schwerer Diagnose
Wie wichtig eine spezialisierte Versorgung von Frauen mit Herz- und Gefäßerkrankungen sein kann, zeigt auch der Fall von Vivien F. aus Hennigsdorf. Die heute 33-jährige Theologin war früher gesund und sportlich. Anfang 2021 bemerkte sie erstmals, dass ihre körperliche Leistungsfähigkeit langsam nachließ. Zunächst vermutete sie ein vorübergehendes „Trainingstief“, später wurden die Beschwerden als mögliche Folge einer Covid-Erkrankung eingeordnet. Erst Anfang 2023 erhielt sie die Diagnose „idiopathische pulmonale Hypertonie“.
Bei dieser seltenen Erkrankung handelt es sich um einen krankhaft erhöhten Blutdruck in den Gefäßen der Lunge. Das Herz muss dadurch dauerhaft gegen einen erhöhten Widerstand anpumpen, was insbesondere die rechte Herzhälfte stark belasten kann. Unbehandelt kann die Erkrankung lebensbedrohlich werden.
Trotz der Risiken entschieden sich Vivien F. und ihr Partner Benedikt, getragen von ihrem Glauben, bewusst für ein gemeinsames Kind. Die Schwangerschaft galt aus medizinischer Sicht als Hochrisikoschwangerschaft. Deshalb wurde die Patientin von den behandelnden Kardiolog:innen an die Frauenherzmedizin des Deutschen Herzzentrums der Charité überwiesen.
In der 28. Schwangerschaftswoche verschlechterte sich der Zustand der Patientin deutlich, sodass ein fachübergreifendes Team aus Kardiologie, Geburtshilfe, Anästhesie, Intensivmedizin und Neonatologie gemeinsam die Entbindung plante. Ende April wurde schließlich Sohn Juda Michael geboren und unmittelbar durch das Team der Charité-Geburtshilfe versorgt. Mutter und Kind haben sich bereits sehr gut erholt.
Weitere Informationen, Hintergrundmaterialien und Ansprechpartner:innen gibt es hier: