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Körperlich krank, aber unversorgt: Neues Modell verbessert medizinische Betreuung psychisch schwer Erkrankter
Das bundesweite Forschungsprojekt PSY-KOMO zeigt: Speziell geschulte Gesundheitsbegleiterinnen und -begleiter schließen die Versorgungslücke zwischen Psychiatrie und somatischer Medizin – mit messbarem Erfolg.
Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen leiden überdurchschnittlich häufig auch an somatischen, also körperlichen, Erkrankungen – und erhalten dafür dennoch oft keine angemessene Behandlung. Das Forschungsprojekt PSY-KOMO hat dieses Versorgungsdefizit gezielt adressiert und wurde deshalb vom Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zur Förderung ausgewählt. Es wurde von 2020 bis 2024 in vier Regionen Deutschlands durchgeführt. Die Leitung lag beim Universitätsklinikum Düsseldorf, den größten Anteil an Studienteilnehmenden stellte allerdings die Universitätsmedizin Frankfurt mit 844 von insgesamt 1.805 Patientinnen und Patienten. Diese litten überwiegend an affektiven Störungen, Erkrankungen aus dem schizophrenen Spektrum oder emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen.
Kern des Projekts war der Einsatz sogenannter Gesundheitsbegleiterinnen und -begleitern: speziell geschulte Pflegefachpersonen und Medizinische Fachangestellte, die Patientinnen und Patienten dabei unterstützten, somatische Versorgungsangebote wahrzunehmen, Vorsorgeuntersuchungen zu nutzen und empfohlene Behandlungen umzusetzen.
Mehr Diagnosen, bessere Behandlungsqualität
Die Ergebnisse sind deutlich: In der Studiengruppe wurden bei elf Prozent der Teilnehmenden neue somatische Erkrankungen diagnostiziert – gegenüber sechs Prozent in der externen Kontrollgruppe. Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei Diabetes mellitus Typ 2, koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und chronischen Atemwegserkrankungen.
Darüber hinaus verbesserte sich die Behandlungsqualität messbar: Patientinnen und Patienten mit Psychosen oder emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen wurden häufiger leitliniengerecht versorgt und nahmen deutlich häufiger an Vorsorgeuntersuchungen und Check-ups teil.
„Gerade bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wird die körperliche Gesundheit im Alltag noch zu oft vernachlässigt“, sagt Prof. Dr. Martina Hahn aus der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Viele Betroffene stoßen im Versorgungssystem auf Hürden oder schaffen es krankheitsbedingt nicht, notwendige Termine wahrzunehmen. Die Gesundheitsbegleiterinnen und -begleiter konnten hier konkret helfen – und so dazu beitragen, dass Erkrankungen früher erkannt und behandelt werden.“
Vernetzte Versorgung als Zukunftsmodell
PSY-KOMO macht strukturelle Defizite sichtbar: Psychiatrische und somatische Versorgung sind im deutschen Gesundheitssystem bislang zu wenig miteinander verzahnt. Für viele Betroffene ist es schwierig, die verschiedenen Angebote eigenständig zu koordinieren – zusätzlich erschwert durch Stigmatisierungserfahrungen, die dazu führen, dass manche medizinische Leistungen erst durch die Unterstützung durch eine Gesundheitsbegleiterin oder einen Gesundheitsbegleiter in Anspruch genommen werden.
Die Studienergebnisse belegen die Machbarkeit und Wirksamkeit eines integrierten Versorgungsansatzes: Die Kombination aus persönlicher Begleitung und regionaler Vernetzung verbessert Diagnostik, Behandlung und Prävention gleichermaßen – und liefert damit konkrete Impulse für eine stärker vernetzte und patientenzentrierte Gesundheitsversorgung, die psychische und körperliche Erkrankungen gleichwertig behandelt.
„PSY-KOMO zeigt, dass wir Versorgungsbrüche überwinden können, wenn wir Strukturen besser vernetzen und Patientinnen und Patienten gezielt begleiten“, betont Prof. Dr. Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Die Erfahrungen aus Frankfurt sind besonders wertvoll, weil hier ein großer Teil der Studienteilnehmenden eingeschlossen wurde. Das Modell bietet eine realistische Grundlage, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern. Eine Überführung in die Regelversorgung würde vielen Patientinnen und Patienten zugutekommen – in Frankfurt und darüber hinaus.“