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Spitzenmedizin: Mannheim eröffnet Referenzzentrum für Hirnaneurysmen mit nationaler Ausrichtung

Es klingt zunächst alarmierend: Jeder 15. Erwachsene trägt ein Hirnaneurysma in sich. Frauen sind nochmal deutlich häufiger betroffen als Männer. Doch die wenigsten Hirnaneurysmen drohen zu platzen. So ist es eine Kernaufgabe des neu gegründeten Zentrums für Hirnaneurysmen an der Universitätsmedizin Mannheim (UMM), zu erforschen und zu beurteilen, wer behandelt werden muss und wer nicht. Mit einem hochkarätig besetzten Symposium wurde das national wie international ausgerichtete Referenzzentrum für eine der häufigsten Gefäßerkrankungen des Gehirns jetzt eröffnet. Die H.W. & J. Hector Stiftung fördert das Zentrum mit 3,5 Millionen Euro.

Einer von 15 gesunden Erwachsenen trägt ein Hirnaneurysma in sich, meist ohne es zu wissen.¹ Immer häufiger werden solche Aneurysmen zufällig entdeckt. Bluten wird jedoch nur etwa eines von 1.000 Aneurysmen pro Jahr, und die Zahl der Aneurysmablutungen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen.² Kommt es dennoch zur Blutung, ist sie oft lebensbedrohlich und trifft überwiegend Menschen mitten im Leben: Im Schnitt sind die Betroffenen 50 Jahre alt, etwa zwei Drittel sind Frauen.³

Die eigentliche medizinische Aufgabe besteht deshalb darin, die wenigen gefährlichen Aneurysmen unter den vielen harmlosen zu erkennen. Denn auch jede vorbeugende Behandlung birgt ein Risiko für Schlaganfall oder Tod bei zwei bis drei Prozent der Behandelten.¹ Trotz dieser Risiken wird in Deutschland heute ein überproportional hoher Anteil zufällig entdeckter Aneurysmen vorsorglich behandelt. Genau hier setzt das Mannheimer Zentrum für Hirnaneurysmen an.

Entwicklung europäischer Leitlinien

Die Maßstäbe, nach denen Hirnaneurysmen heute international beurteilt und behandelt werden, sind wesentlich aus den Arbeiten von Professor Nima Etminan und Professor Gabriel Rinkel hervorgegangen, die das Zentrum gemeinsam leiten: grundlegende Studien zu Häufigkeit und natürlichem Verlauf, die weltweit eingesetzten Risikoscores PHASES4 und UIATS4,5, die zweiteilige Serie zu nicht gebluteten Aneurysmen in The Lancet Neurology⁴ sowie die europäischen Leitlinien zum Management nicht gebluteter Aneurysmen und zur Aneurysmablutung.⁵,⁶ Auch der Nachweis, dass Hirnaneurysmen nicht angeboren sind, sondern im Laufe des Lebens entstehen, stammt aus dieser Forschung. Am Zentrum werden diese Daten bei der Beratung nicht nur angewandt, sondern mit moderner Gefäßwandbildgebung, KI-gestützter Bildanalyse und Biomarkern im Blut weiterentwickelt.

Das Zentrum deckt das gesamte Spektrum der Diagnose- und Behandlungsverfahren ab: die personalisierte Risikobeurteilung, die Beobachtung mit telemedizinischer Begleitung, die medikamentöse Stabilisierung im Rahmen der weltweit ersten Phase-III-Studie zur Vorbeugung von Aneurysmawachstum und -blutung, moderne endovaskuläre Verfahren sowie die Mikrochirurgie, inkl. komplexer Bypassoperation für anderweitig nicht behandelbare Aneurysmen. Weil alle Optionen im abteilungsübergreifenden Team verfügbar sind, richtet sich die Empfehlung allein nach dem Risiko für den einzelnen Menschen und der Erfolgsaussicht.

Komplettes Repertoire der Aneurysma- und Bypasschirurgie

Für komplexe Aneurysmen, die sich endovaskulär nicht oder nicht dauerhaft behandeln lassen, zählt das Universitätsklinikum Mannheim im Verbund mit dem Universitätsklinikum Heidelberg zu den wenigen Kliniken in Europa, die das komplette Repertoire der mikrochirurgischen Aneurysma- und Bypasschirurgie beherrschen. Patientinnen und Patienten werden dafür bundesweit gezielt zugewiesen, auch von auswärtigen neuroradiologischen Kliniken.

„Der Mensch, der das Aneurysma trägt, steht im Mittelpunkt, nicht das Aneurysma. Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Aneurysmen zu behandeln, sondern für jede Patientin und jeden Patienten abzuwägen, wann ein Eingriff wirklich nötig ist und wann er mehr schadet als hilft. Nach fast zwanzig Jahren in der Aneurysmaforschung und -chirurgie ist dieses Zentrum für mich ein Herzensprojekt: Wir können ergebnisoffen beraten, weil wir die Erkrankung als Ganzes im Blick haben, von der ersten Risikobewertung bis zur hochkomplexen Operation“, sagt Prof. Dr. Nima Etminan, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der UMM und Leiter des Zentrums.

„Die meisten Aneurysmen werden nie bluten. Die zentrale wissenschaftliche Aufgabe ist es deshalb, von einer Risikobewertung auf Gruppenebene zu einer personalisierten Abwägung überzugehen, die das individuelle Blutungs- und Behandlungsrisiko ebenso einbezieht wie die Präferenzen der Betroffenen“, ergänzt Prof. Dr. Gabriel Rinkel, Ko-Leiter des Zentrums, der die internationale Aneurysmaforschung seit Jahrzehnten maßgeblich prägt und international mit Professor Etminan zu den führenden Köpfen der Hirnaneurysmaforschung zählt.

Das Zentrum verbindet die individuellen und komplementären Expertisen der Neurochirurgie (Prof. Dr. Nima Etminan), der Neuroradiologie (Prof. Dr. Uta Hanning) und der Neurologie (Sektionsleitung: Prof. Dr. Angelika Alonso) mit translationaler Forschung und ist in dieser Form einzigartig in Deutschland. Professor Hanning, Direktorin der Klinik für Neuroradiologie am Universitätsklinikum Mannheim, bringt dabei ihre ausgewiesene Expertise in der Schlaganfallversorgung und -forschung sowie in der endovaskulären Aneurysmatherapie ein.

3,5 Millionen Euro Förderung durch die H.W. & J. Hector Stiftung

Möglich wird das Zentrum durch die H.W. & J. Hector Stiftung, die das zugrunde liegende Projekt CARE-IA (Care, Awareness, risk detection & pRediction, prEvention strategies in Intracranial Aneurysms) mit rund 3,4 Millionen Euro über drei Jahre fördert. Gemeinsam mit Mitteln aus Fakultät und Klinikum beläuft sich das Gesamtvolumen auf rund 5 Millionen Euro.

„Mit dem Zentrum für Hirnaneurysmen entsteht im Verbund der Universitätsklinika Heidelberg und Mannheim ein weiterer sichtbarer Leuchtturm am Standort Mannheim. Hier verbinden sich international anerkannte operative Expertise, wissenschaftliche Exzellenz und forschungsgetriebene Versorgung zu einem Behandlungsspektrum, das neue Maßstäbe setzt und weit über die Region hinauswirkt. Der Patient steht dabei immer im Mittelpunkt einer individuell abgestimmten Versorgung“, betont Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel, Vorstandsvorsitzender des Verbunds der Universitätsklinika Heidelberg | Mannheim.

„Das Zentrum für Hirnaneurysmen zeigt, wie aus Spitzenforschung unmittelbar bessere Versorgung wird: Erkenntnisse, die hier entstehen, verändern weltweit, wie Menschen mit Aneurysmen beraten und behandelt werden. Das ist translationale Medizin im besten Sinne. Dass in Mannheim entwickelte Erkenntnisse bereits internationale Leitlinien prägen und hier zugleich neue diagnostische Ansätze erforscht werden, zeigt die Stärke unserer Universitätsmedizin, die auch über die Neurochirurgie hinaus mit dem European Center for Angioscience (ECAS) und dem Helmholtz-Institut für Translationale AngioCardioScience (HI-TAC) einen wesentlichen Schwerpunkt im Bereich der Gefäßforschung und der Gefäßmedizin ausgebildet hat, der nationale und internationale Beachtung findet.“, sagt Prof. Dr. Sergij Goerdt, Dekan der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg.

Das Eröffnungssymposium richtete sich an Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Betroffene und Interessierte. Neben einer Keynote von Prof. Dr. Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Charité und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie, standen ein Gespräch mit Betroffenen sowie Stationen auf dem Programm, an denen Besucherinnen und Besucher am Operationsmikroskop und am Kathetersimulator selbst erleben konnten, wie eine Aneurysmabehandlung abläuft.

Statements zur Eröffnung:

Prof. Dr. Maurice Stephan Michel, Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Mannheim: „Eine exzellente Behandlung beginnt nicht erst im Operationssaal, sondern mit einer verlässlichen Diagnose und einer sorgfältigen Entscheidung. Am Zentrum für Hirnaneurysmen arbeiten die beteiligten Disziplinen eng zusammen, damit jeder Mensch die medizinisch sinnvollste Versorgung erhält – das kann auch bedeuten, auf einen Eingriff zu verzichten.“

Sandra Henek, Kaufmännische Geschäftsführerin am Universitätsklinikum Mannheim: „Mit dem Zentrum investieren wir gezielt in ein medizinisches Zukunftsfeld, in dem Mannheim bereits heute über besondere Expertise verfügt. Die Förderung durch die Hector Stiftung und das Engagement von Klinikum und Fakultät ermöglichen es, dieses Wissen dauerhaft in leistungsfähige Versorgungsstrukturen und innovative Forschung zu übersetzen. Das stärkt den Standort und kommt Patientinnen und Patienten überregional zugute.“

Quellen: ¹ Dremel et al., Lancet Neurol 2026 (Prävalenz unrupturierter intrakranieller Aneurysmen, Blutungs- und Behandlungsrisiko). ² Etminan et al., JAMA Neurol 2019 (weltweite Inzidenz der aneurysmatischen Subarachnoidalblutung). ³ Etminan und Rinkel, Nat Rev Neurol 2016 (Entstehung, Ruptur und präventives Management). ⁴ Greving et al., Lancet Neurol 2014 (PHASES-Score zur Vorhersage des Rupturrisikos). ⁵ Etminan et al., Neurology 2015 (UIATS, multidisziplinärer Konsensus zur Behandlungsentscheidung). ⁶ Etminan et al., Lancet Neurol 2025 (Series Unruptured Intracranial Aneurysms, Teil 1 und 2). ⁷ Etminan et al., Eur Stroke J 2022 (ESO-Leitlinie zu nicht gebluteten Aneurysmen). ⁸ Vergouwen et al., Eur Stroke J 2026 (ESO/EANS/ESMINT-Leitlinie zur aneurysmatischen Subarachnoidalblutung). ⁹ Etminan et al., Stroke 2014 (Radiokarbondatierung des Kollagens in Aneurysmen).